Samstag, 9. Februar 2019

Karussellfahrt

Unsere erste Fahrt in Indien. Es war 5 Uhr morgens und etwa 15 Kilometer lagen vor uns, die uns von unserem Gastgeber trennten. Die Fahrräder waren teilweise noch nicht richtig eingestellt und das Gepäck ungleichmäßig verteilt. Wir waren bereits die ganze Nacht wach und standen bestimmt drei Stunden in irgendwelchen Warteschlangen. Ihr habt bestimmt, genauso wie wir, auch schon von dem (angeblich) chaotischen Verkehr in Indien gehört. Also zogen wir erstmal die gelben Warnwesten über, setzten die Helme auf und checkten die Fahrradlichter. Die wilde Fahrt konnte beginnen. Auf dem Flughafengelände war noch alles gesittet und ruhig. Wir verließen den Flughafen über ein Parkhaus und sobald wir aus dem Parkhaus auf die Straße abbogen begann die Karussellfahrt. Ich fragte mich, warum manche Autos von der falschen Richtung kamen. War ich schon so übermüdet, dass ich nicht mehr klar denken konnte? Nein, hier gibt es einfach keinen Rechtsverkehr und alle Autos kommen aus der “falschen“ Richtung. Also konzentrierte ich mich darauf bloß nicht auf der falschen Straßenseite zu fahren. Sobald wir mitten im Verkehr steckten fing es auch schon an zu hupen. Von vorne, hinten, rechts und links. Erschrocken drehte ich mich in alle Richtigen, aber da war gar nichts schlimmes. Schon wieder wurde gehupt. Doch wieder nichts besonderes. Hier scheint einfach jeder seinen Finger auf der Hupe zu haben. Wir wurden von kleinen Autos, noch kleineren Auto-Rikschas und großen Bussen überholt. Immer wieder sausten die Busse knappe 30 cm von uns entfernt vorbei und hielten hin und wieder einfach knapp vor uns am Rand der Straße an. Die Menschen die ausstiegen warteten nicht bis der Bus stand, sondern sprangen vorher ab und direkt vor unsere Räder. Ich hoffe ihr könnt euch das alles ein bisschen vorstellen. Aber noch nicht genug. Die Straße war schlecht und wir mussten immer wieder irgendwelchen Löchern und Hindernissen ausweichen. Dazu kamen Hügel, die uns Berg auf zum Schwitzen brachten, sodass wir im T-Shirt fuhren und uns Berg ab immer schneller werden ließen. So sausten wir auf die Kreuzungen zu. Die Ampeln blinkten orange und jeder fuhr einfach drauf los. Wer nicht fuhr, war verloren. Es gab keine andere Wahl als einfach vor die anderen Fahrzeuge zu fahren und zu hoffen, dass man heile wieder von der Kreuzung herunter kommt. Ihr dürft nicht vergessen, dass das alles noch im Dunkeln war und wir lediglich unserern kleinen Lichtkegel vor uns hatten. Fast alle Auto-Rickschas hatten ganz gewöhnlich zwei Lichter vorne und zwei hinten, doch einige hatten weniger, bis gar kein Licht. Dazu ist das Verdeck der kleinen dreirädrigen Gefährte noch schwarz und so sind sie kaum zu sehen. Genauso wie die Menschen auf ihren Fahrrädern, die uns auf der falschen Seite entgegen kamen. Es gibt keine richtigen Gehwege, und wenn doch dann wachsen dort irgendwelche Bäume oder Müllhaufen. So gehen die Fußgänger einfach auf der Straße. Einige gehen bereits zur Arbeit, andere machen Sport und wieder andere machen irgendetwas anderes. Der Geruch von überfüllten Mülltonnen lockte die vielen Straßenhunde an, die direkt am Straßenrand nach Essbarem suchten und mir jedes Mal einen Schrecken einjagten. Immer wieder fuhr ich langsam an einem Hund vorbei, da ich nicht wusste wie die indischen Straßenhunde auf uns reagieren. Doch wir schienen sie nicht wirklich zu interessieren. Arne interessierte sich auch nicht wirklich für die Hunde und so war er immer vorneweg und viel zu schnell für mich. Wenn er schon auf der anderen Seite der Kreuzung war, steckte ich noch mitten zwischen den hupenden Vehikels. Mittlerweile wurde es hell und die Straßen füllten sich noch mehr. Doch wir waren auch schon fast an unserem Ziel. Die ersten Schulkinder liefen in ihrer Uniform zur Schule und die ersten Street-Food-Stände kochten Chai. Überall war ein reges Treiben zu beobachten und wir freuten uns richtig auf die nächsten Tage, die wir in Mullund (Stadtteil von Mumbai) verbringen werden, um so richtig in das indische Chaos eintauchen zu können.

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