Donnerstag, 14. Februar 2019
Wie eine einfache Zugfahrt zu einem einmaligen Abenteuer wird
Für nur 15 Rupien pro Person (19 Cent) kann man alle fünf Minuten mit dem Zug quer durch Bombay (Mumbai) fahren. Damit der Zug am Bahnhof nicht zu viel Zeit verliert, werden die Türen gar nicht erst geschlossen. Und natürlich passen so auch mehr Menschen in den Zug. Die erste Fahrt war im Vergleich zur zweiten Fahrt sehr gesittet und daher auch kaum erwähnenswert. Der Zug war so voll, dass wir stehen mussten und die Ellenbogen haben sich hin und wieder leicht berührt. Von außen sah es so aus, als wenn keiner mehr rein passen würde und während der Fahrt mussten einige so dicht bei der Tür stehen, dass der Arm rausbaumelte. Wir stellten uns in die Mitte, um während der Fahrt möglichst weit weg von den geöffnet Türen zu stehen. Ich blickte mich im Abteil um und sah ausschließlich Männer und fragte Arne, ob ihm auch aufgefallen ist, dass nur Männer unterwegs sind. Daraufhin meinte er, dass er beim einsteigen gesehen hat, dass an einem der Wagen “only women“ drauf stand. Ich fühlte mich ein bisschen komisch in dem Wagon, da keine Frau einstiegen. Später bekamen wir heraus, dass drei Wagen ausschließlich für Frauen und alte Menschen sind und der Rest, ohne Ausnahmen, von allen genutzt werden kann. So viel zur ersten Zugfahrt.
Die zweite Fahrt begann in Bombay am Zentralbahnhof. Das Ticket bekamen wir an einem der vielen Schalter, nachdem wir uns an eine der zwanzig Meter langen Schlangen angestellt hatten. Überall liefen Menschen in bunten Saries und Kurtas herum. Unter der Decke drehten sich die Ventilatoren, kleine Gruppen haben es sich auf dem Boden bequem gemacht und andere versuchten sich mit ihren Taschen und Kisten durch die Masse zu schieben. Es war etwa so voll wie auf Gleis 13 am Hamburger Hauptbahnhof wenn der Metronom aus Lüneburg zur Rush Hour ankommt. Aber natürlich nicht nur auf einem Gleis, sondern auf dem ganzen Bahnhof und allen 18 Gleisen. (Zum Vergleich: den Hamburger Hbf passieren etwa 720 Züge und 500.000 Menschen am Tag und den Bahnhof von Mumbai passieren rund 100 Züge und 3.000.000 Menschen pro Tag).
Wir schafften es das richtige Gleis zu finden und warteten auf den einrollenden Zug. Noch bevor er zum stehen kam sprangen die ersten Menschen schon in den Zug, um einen Sitzplatz zu ergattern. Ich hatte Glück und bekam auch noch einen Platz ab, obwohl ich wartete, bis der Zug stand. Außer Arne standen sonst kaum noch welche, was heißt, dass es nicht so voll wie auf der ersten Fahrt war.
Solange der Zug noch stand, wurde er von den Menschen als Durchgang von einem Bahnsteig zum anderen genutzt, da auf beiden Seiten die Türen offen standen.
Langsam rollte nun der Zug an und es stiegen bzw. sprangen immer noch Menschen auf. Nicht lange und wir rollten in den nächsten Bahnhof ein. Wie sonst auch, sprangen die Menschen schon während der Fahrt auf, doch diesmal rannten sie durch den Zug und auf kürzestem Wege zwischen die Sitzbänke. Sie rissen ihre Rucksäcke vom Rücken und stellten sie oben auf die Gepäckablage. Arne und ich schauten uns nur verwundert an. Bei der nächsten Haltestation sollten wir verstehen, warum es so hecktisch zu ging. Wieder rollte der Zug in den Bahnhof ein und wieder sprangen die ersten Menschen schon, bevor der Zug stand in das Abteil. Sie rannten zwischen die Sitze und da dort schon welche standen wurden alle etwas zusammen gedrückt und standen nun Körper an Körper. Die Rucksäcke wurden durch das Abteil gereicht, damit sie oben auf die Gepäckablage gequetscht werden konnten. Ich konnte mich mittlerweile auch nicht mehr bewegen und meine Sicht war komplett versperrt. Ich versuchte irgendwie durch die ganzen Menschen hindurch Blickkontackt mit Arne auf zu nehmen, um zu wissen, wann wir aussteigen mussten. Und da war auch schon die nächste Station. Ein paar Menschen sprangen raus, eine Frau stürzte und viele neue Passagiere stützten in den Zug. Sie drückten und schoben. Da auf beiden Seiten die Türen offen standen wurde die Masse durch die hereinstürtzenden Menschen auf der gegenüberliegenden Seite herausgedrückt. Die drückten wieder zurück, sodass die andere Seite wieder herausgedrückt wurde. Der Zug fuhr los und wer konnte hielt sich draussen noch am Zug fest. Langsam ruckelte es sich zurecht und jeder fand irgendwo noch einen Platz. Die Menschen standen nun Körper an Körper gepresst. Und ausgerechnet jetzt mussten wir aussteigen. Ich versuchte mich hinzustellen. Zum Glück war ich etwas größer als der Rest und so hatte ich die Ellenbogen nicht im Gesicht. Arne der ja schon stand konnte gut über die Masse hinwegblicken und seine großen Füße wurden als Standfläche genutzt, da die Menschen nicht mehr wussten wo hin mit ihren Füßen.
Den Beutel den ich in der Hand hatte, reichte ich über die Köpfe hinweg an Arne, andererseits wäre ich überall hängen geblieben. Nicht, dass ich auch ohne Beutel über all hängen blieb. Es war eigentlich mehr ein feststecken als ein hängenbleiben. Ich schob mich langsam auf Zehenspitzen (mehr Platz gab es auf dem Boden nicht mehr) Richtung Ausgang. Ich hätte meine Füße hochheben können und ich wäre trotzdem “stehen“ geblieben, da mein Körper so dolle zwischen all die anderen Körper gepresst wurde. Zu unserem Glück waren nahe dem Ausgang ein paar nette Passagiere, die täglich diesen Zug nehmen und wissen was zu tun ist. Sie sagten Arne, er solle seine Sonnenbrille richtig aufsetzten, sonst würde sie an der Tür hängen bleiben. Also setzte er seine Sonnenbrille auf, beugte sich leicht nach vorne und sobald der Zug in den Bahnhof einfuhr und bremste, wurden wir von hinten herausgeschoben. Wir purzelten nacheinander aus dem Zug und landeten glücklicherweise auf den Füßen. Um der hereinstürzenden Menge nicht im Weg zu stehen, versteckten wir uns erstmal in einer ruhigen Ecke um Luft zu holen. Und die Moral von der Geschicht, nimm in der Rush Hour den Zug in Mumbai nicht :D
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