Sonntag, 21. April 2019

Ferien Camp

Jetzt aber wirklich. Endlich ging es nun für uns zum Camp hoch, in die Vorläufer des Himalajas. Weg von all dem Trubel, Tourismus und der indischen Überflutung. Die Fahrräder stellten wir unten in Rishikesh in einem Café ab, mit dem Vertrauen, dass nichts passieren wird. Mit einigen unserer Taschen, sowie dem Zelt geschultert machten wir uns auf den Weg. Zuerst ging es mit dem Roller hoch hinauf bis zu einem Track, denn wir dann zu Fuß zurück legen mussten. Stufe für Stufe stiegen wir direkt an einem Bergfluss entlang immer weiter nach oben. Hin und wieder stoppten wir an einem der Waaserfälle, um ihn zu betrachten und uns so eigentlich nur eine Verschnaufpause zu verschaffen. Ich habe irgendwann nur noch auf den Boden geschaut, laut geatmet und mich Schritt für Schritt nach oben geschoben. Völlig verschwizt, es war mittlerweile schon dämmrig, sind wir heile bei dem Camp angekommen. Wir hörten den Bach rauschen, die Vögel zwitschern und den Wind in den Bäumen rascheln, sonst nichts. Hier wollten wir bleiben, uns bekochen lassen und den ganzen Tag die Beine im Wasser baumeln lassen. Also stellten wir mit dem letzten Tageslicht unser Zelt direkt neben dem Fluss auf und ließen den Tag unter dem Vollmond am Lagerfeuer ausklingen. Diese Nacht kam kein Mensch der uns neugierig mit seiner Lampe weckte und uns zu sich nach Hause einlud. Diese Nacht hörten wir nur das monotone murmeln des Bachs. Morgens wurden wir von der Sonne geweckt und nicht von neugierigen Indern, die sich bereits um unser Zelt scharrten. Wir hatten so richtig unsere Ruhe. Für's erste zumindest. Später kamen einige Touristen, die in dem Bach badeten, Fotos schossen und Tee tranken. Einige der Menschen blieben auch für ein zwei Nächte und so hatten wir immer wieder neue Gesellschaft am Lagerfeuer. Die Gespräche waren meist sehr spirituell und für unseren Geschmack oft nicht wirklich an der (unserer) Wahrheit. Doch interessant war es immer. Nach nur einem Ruhetag hatten wir so viel Energie über, dass wir uns verschiedene Dinge suchten, die wir erledigen konnten. Wir suchten dicke Äste im Wald, wanderten durch die Berge, Strichen die Dusche, sägten Holz, schleppten Lebensmittel zum Camp nach oben, wanderten den Fluss hinauf und malten ein Häuschen weiß an. Solange, bis ich krank wurde und anfing die Tage zu verschlafen. Ich hatte mir eine dicke Erkältung eingefangen und so waren wir “gezwungen“ länger zu bleiben bis meine Atemwege soweit frei waren, dass ich mit dem Rad die Berge hoch kommen werde. Natürlich hat sich Arne auch noch angesteckt und so sind unsere “Ferien“ ganz schnell zwei Wochen lang geworden. Das war übrigens das erste Mal, dass wir so lange an einem Stück an einem Ort geblieben sind. Und daher wurden wir nach einer Weile sehr stark von unserem Reisetrieb angetrieben und wollten so schnell wie möglich weiter fahren. Noch immer etwas hustend saßen wir dann endlich wieder auf unseren Rädern und stürzten uns glücklich in die Berge. Doch vorher waren wir noch auf einer indischen Hochzeit, von der ich Euch im übernächsten Eintrag berichten werde.

Donnerstag, 18. April 2019

Holi

Holi (Hindi, f., होली, holī) ist ein aus der hinduistischen Überlieferung stammendes Frühlingsfest am ersten Vollmondtag des Monats Phalgun (Februar/März). Dieses „Fest der Farben“ dauert mindestens zwei, in einigen Gegenden Indiens auch bis zu zehn Tage. Mit Holi wird das Fest hauptsächlich in Nordindien und Nepal bezeichnet, in anderen Landesteilen ist es unter anderen Namen bekannt. Dieses Jahr ist Holi auf den 20. und 21. März gefallen und wir haben diese Tage in Rishikesh verbracht. Rishikesh ist das Yogazentrum schlecht hin und es sind unzählige Menschen aus allen Ländern der Welt an diesem Ort um Yoga zu lernen und um ihren Yogalehrer zu machen. Alle die, die mit dieser Spiritualität nichts zu tun haben, kommen trotzdem zu diesem Ort, da hier der Ganges aus dem Himalaja fließt und es ein wunderschöner Anblick ist. Kurz gesagt der Ort ist voll von Touristen und wir sind völlig planlos in dieses Chaos hineingeradelt. Eigentlich wollten wir nur zu einem Camp im Himalaja fahren, um für einige Tage der indischen Reizüberflutung zu entkommen. Doch dann waren diejenigen, die dieses Camp organisieren beide in Rishikesh um ein Holi Festival zu organisieren. Also sind wir mit dem Ass im Ärmel, das wir die beiden Organisatoren nun kannten, die zwei Holi-Tage mit der bunten Masse mitgeschwommen. Holi ist eines der ältesten Feste Indiens. Fünf Tage nach Vollmond ist Rangapanchami (Ranga = Farbe; Pancami = der 5. lunare Tag), der zweite Tag des Festes. An diesem Tag scheinen alle Schranken durch Kaste, Geschlecht, Alter, Herkunft und gesellschaftlichen Status aufgehoben. Auch wenn das Kastensystem offiziell aufgehoben ist, existiert es dennoch in vielen Köpfen und wird auch so ausgelebt. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel. An diesem zweiten Tag wird ausgelassen gefeiert und man besprengt und bestreut sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und gefärbtem Puder, dem Gulal. Wer den Übermut ablehnt, bestreicht sich gegenseitig zumindest dezent mit etwas Pulverfarbe und geht lieber nicht raus auf die Straßen, denn dort lauert von überall die Gefahr mit Wasser bespritzt und mit Farben bestrichen und beworfen zu werden. Trotz aller Veränderungen in der modernen indischen Gesellschaft ist die sakrale Bedeutung weiterhin deutlich erkennbar, so werden etwa die Farben noch heute meist vorher auf dem Altar geweiht und die Menschen überbringen Segenswünsche. Ursprünglich entstanden die Farbpulver aus bestimmten Blüten, Wurzeln und Kräutern, die heilend wirken. Heute kommen häufig synthetische Farben zum Einsatz, die teilweise sogar schädlich sein können. Wir haben den Tipp bekommen uns vorher komplett mit (Kokos-) Öl einzuschmieren, um später die Farben besser abwaschen zu können. Im Nachhinein waren wir froh diesem Tipp gefolgt zu sein. Doch trotzdem war Tage später immer noch Farbe am Haaransatz zu finden :D und eine Woche später konnte man noch immer Mädchen mit regenbogenfarbenem Haar sehen, da sie die Farbe immer noch nicht aus ihrem eigentlich blonden Haar heraus bekommen haben und aus den Klamotten geht die Farbe sowieso nie wieder raus. Am ersten Tag von Holi entzündet man in der Nacht ein Feuer und verbrennt darin eine Figur aus Stroh, als Symbol für die Dämonin Holika. Verschiedene Mythen beschäftigen sich mit dieser Dämonin. Wie alle Feste ist auch Holi in seiner Bedeutung sehr vielschichtig. Im spirituellen Bereich vermittelt es, wie in der dazugehörenden Mythologie erkennbar, die Botschaft vom Triumph des Guten über das Böse. In der Natur dagegen markiert es den Sieg des Frühlings über den Winter, denn das Fest beginnt mit dem Aufblühen der Natur. Ein wichtiger Punkt ist den Menschen auch der Versöhnungsaspekt, denn es heißt, dass man in diesen Tagen auch alte Streitigkeiten begraben soll. Häufig ist es üblich, zu Holi ein Bhang genanntes Rauschmittel zu konsumieren. So mancher trinkt auch den traditionell verpönten Alkohol, was sich besonders in den Städten durch die daraus entstehende Gewalt immer mehr zu einem Problem entwickelt. Die Menschen aus dem Hostel, in dem wir eine Nacht geblieben sind, haben sich auch an diesen Getränken probiert und es war köstlich zu beobachten wie einer nach dem anderen den Folgen erlag und den Rest des Tages verschlief. Anders war es unter der feiernden Masse auf dem Festival. Dort wurde manch einer durch den Alkohol sehr aggressiv und ungehalten und man musste aufpassen, dass man nicht eine ganze Ladung von dem Pulverzeug ins Gesicht bekommt, sodass man kaum noch Luft bekommt, da das Pulver alle Öffnungen und Poren verstopft. Eigentlich werden aber die Farben liebevoll auf die Wangen, Stirn und/oder Hals gestrichen, während man sich gegenseitig ein fröhliches Holi-Fest wünscht. Es werden Farben in die Luft geschmissen und Farblichter entzündet. Nach nur kürzester Zeit auf dem Festival waren wir kaum noch wieder zu erkennen und viele der Menschen haben mich sogar für männlich gehalten :D Holi gehört zu den befreienden Umkehrritualen, bei denen gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen für eine kurze Zeit aufgelöst sind. Sozial Hochstehende mischen sich bei diesen, auch im europäischen Kulturraum verbreiteten Festen unter das einfache Volk, während die Bürger gelegentlich in einer symbolischen Aktion die Macht übernehmen. Solche legitimierte Grenzüberschreitungen verbinden Holi mit dem Karneval. Wir sind zwei Stunden mit der bunten Masse mitgeschwommen um anschließend völlig dreckig und hungrig unser Mittag, in einem der wenigen Restaurants, die überhaupt geöffnet hatten, zu essen. Alle anderen Geschäfte waren Fest verriegelt um nicht den feinen Farbenstaub im gesamten Geschäft zu haben. Nur wenige Stunden später war die Stadt wie ausgestorben, das Festival war vorbei, die Musik war aus, alle versuchten zu Hause ihre Farben auszuwaschen und ruhten sich aus. Nur einen Vormittag im Jahr kann man dieses ausgelassene bunte Spektakel im ganzen Land erleben und wir durften dabei sein :)

Mittwoch, 17. April 2019

Acht Tage lang Mitglied einer indischen Familie

Gekommen sind wir mit dem Gedanken für eine Nacht zu bleiben und gefahren sind wir mit dem Plan diese Familie ein zweites oder sogar drittes Mal wieder zu sehen. Wir sind also dort angekommen, haben es abgelehnt noch am selben Tag ihr Landhaus zu besuchen und mussten/wollten daher gleich einen Tag länger bleiben. Und dann noch einen und noch einen und so weiter.. Bis uns der Polizeichef die Entscheidung, wann wir denn jetzt endlich weiter fahren sollten, abgenommen hat, indem er es uns verboten hat länger zu bleiben. Aber dazu später. Erstmal muss ich Euch erklären wo wir da überhaupt gelandet waren. Der Vater der Familie ist ein Polizist und Polizisten bekommen für sich und die Familie ein kleines Appartement in einem abgesperrten Polizeidistrikt zur Verfügung gestellt, damit sie die Möglichkeit haben in Arbeitsplatznähe zu leben. Das Polizeidistrikt ist wie eine kleine Stadt in einer Stadt. Es gibt eine Mensa, einen Sportplatz, eine Schule, ein Sportkomplex, eine Mühle, eine Wasseraufbereitungsanlage und einige kleine Shops. Es wird 24 Stunden lang überwacht wer ein und aus geht und jeder Neuankömmling muss sich mit Namen und Unterschrift in ein Buch eintragen. Die Appartements für die Familien sind klein und bestehen meist nur aus zwei kleinen Räumen, einer noch kleineren Küche und einem noch viel kleineren Bad. So auch die Wohnung in der wir für die nächste Zeit zu sechst lebten. Vater: Senior Polizist, erster Sohn: Student, Zweiter Sohn: Schüler im letzten Jahr, Mutter: Hausfrau und Mutter, Wir: Gäste und nach einem Tag Teil der Familie. Die Familie schafft es auch nur gemeinsam auf so engem Raum zu leben, da sie noch ihr Landhaus in einem Ort außerhalb der Stadt haben. Und dort fahren sie für Ferien, Wochenenden, Festivals, Familientreffen und andere Gelegenheiten hin, so wie auch wir für einen Tag dort hingefahren sind. Nach dem Morgenchai und dem späten Frühstück haben wir uns zu dritt auf den Weg gemacht. Zuerst haben wir uns an die Hauptstraße gestellt und auf einen Bus gewartet. Ob dort jetzt eine Bushaltestelle war oder nicht, spielte keine Rolle. Die Busse die in der Stadt fahren halten überall an, wo Menschen an der Straße stehen und die Hand heben, als Zeichen, dass sie mitfahren wollen. Die Busse, die über Land fahren und die Städte verbinden halten nur an vorgesehenen Haltestellen. Na ja, es kam aber kein Lokalbus vorbei, um uns mitzunehmen, also haben wir eines der vielen Tucktucks angehalten und uns zu den drei anderen Menschen hineingequetscht. Wer nicht schnell genug saß, wurde unfein in den Sitz geschmissen, als das Tucktuck anfuhr. Jedes Schlagloch war dreimal so hart zu spüren und jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass gleich der Kotflügel abfallen wird. Etwas anderes konnte auch nicht mehr abfallen, da gar nichts mehr vorhanden war. Arne musste seinen Kopf einziehen, damit er nicht bei jedem Huckel mit dem Kopf gegen die Decke schlug. Als wir dann am ZOB ankamen stiegen wir in einen Überlandbus um. Dieser Bus war nicht mal ansatzweise mit einem deutschen Linienbus zu vergleichen, aber er erfüllte seinen Zweck und brachte Menschen von A nach B. Er brachte viele Menschen von A nach B. Sogar sehr sehr viele Menschen. Wir bekamen jedes Mal einen Sitzplatz, da die Menschen für mich Platz machten, da ich eine Frau war und für Arne machten sie Platz, da er nicht aufrecht im Bus stehen konnte. Überhaupt ist vieles hier in Indien für Arne wie in einer Zwergenhöhle, da die durchschnittliche Größe, nach der alles andere ausgerichtet wird, kleiner ist als in Deutschland. Irgendwo im nirgendwo sind wir dann ausgestiegen und die letzten Kilometer zu Fuß in den Ort gelaufen. Rechts und links vom Weg war alles voll mit reifem Zuckerrohr, der auf seine Ernte wartete. Ein Ochsenkarren kam uns noch entgegen und dann erreichten wir auch schon die ersten Häuser. Draußen saßen die Menschen auf ihren Betten und quatschten gemeinsam über das Wetter. Im Hof standen die Kühe (in Indien meist Büffel) und die Kinder spielten gemeinsam auf der Straße. Wir wurden mit einem Chai empfangen, haben uns das Haus in allen Ecken angeschaut, frischen Zuckerrohr vom Feld gegessen und später sind wir zu den Nachbarn gegangen und haben erneut Chai getrunken und Snacks gegessen. Den Zuckerrohr musste man zuerst mit den Zähnen schälen. Das war gar nicht so einfach, da die Stangen von außen sehr hart sind. Von innen sind sie dann aber super süß und saftig und der Zuckerrohrsaft läuft einem an den Händen entlang. Unser Gastgeber war geschickt im Schälen und abbeißen der Stange, wir dagegen hatten uns noch nicht einmal bis zur Hälfte durchgekämpft, als er schon fertig war. Um nicht wieder den ganzen Weg zu Fuß zur Bushaltestelle zurück laufen zu müssen, haben wir einen Büffel vor die Kutsche gespannt und haben uns fahren lassen. Hui, war das eine wilde Fahrt. Ich habe nicht gewusst, dass solch ein massives Tier so schnell über die Landstraße galoppieren kann, ja sogar fast über die Landstraße fliegen kann. Auf dem Rückweg hatte unser Bus dann noch einen Platten und bis wir schließlich wieder zurück waren war es dunkel. Die Mutter hatte uns ein leckeres Abendessen gekocht und wir haben in dem einzigen richtigen Zimmer mit Bett ganz vorzüglich geschlafen. Der Rest der Familie hatte ein Lager aus Feldbetten aufgeschlagen und eng beieinander geschlafen. Es ist hier nichts ungewöhnliches, dass die ganze Familie in einem Zimmer oder sogar in einem Bett schläft und noch viel selbstverständlich ist es, dass die Gäste das aller beste Bett und Zimmer bekommen. Morgens sind wir von dem Geräusch des Ingwer zerstampfens aufgewacht und wussten sofort, dass es gleich Chai gab. Arne ist dann meist zur Badmintonhalle gegangen oder wurde zum Badminton spielen abgeholt. Die Leute haben gerne mit ihm Badminton gespielt und für die Kinder war es eine richtige Attraktion ihm beim spielen zuzusehen, sodass sich jedes Mal eine Menge Zuschauer am Rand des Spielfeldes versammelte. Ich habe ihn dann oft nach einer Weile abgeholt und wir sind gemeinsam noch ein paar Runden um den Sportplatz gelaufen. Ich war danach knall Rot im Gesicht und die Mutter hat sich jedes Mal Sorgen gemacht. Die beiden Jungs haben in der Zeit meist nichts gemacht oder uns zugeschaut. Täglicher Sport ist in Indien nicht so verbreitet. Das Frühstück gab es immer erst sehr spät, da es im Norden Indiens gar keine richtige Frühstückskultur gibt. Hin und wieder gab es salziges Toast zum Tee, ein Paratha (ähnlich wie gefüllter Pfannkuchen) oder Kekse. Und dann gab es so gegen 11 Uhr Mittag. Die Vielfalt, wie wir sie weiter südlich hatten war hier auch eher eingerostet. Zu jeder Mahlzeit gab es Rotis (indisches Fladenbrot) und Sabzi (Gemüse). Hin und wieder hat etwas Reis, Buttermilch oder Jogurt etwas Abwechslung hinein gebracht. Wenn ich dann nur den Reis gegessen habe und kein Roti dazu, haben sie mich immer ganz entsetzt gefragt, ob ich den nicht hungrig sei. Für sie ist eine Mahlzeit nur eine richtige Mahlzeit, wenn Rotis gegessen werden. Einer der Jungs hat uns grübelnd angeschaut und uns dann gefragt, was wir den in Deutschland zum Gemüse dazu Essen, wenn wir keine Rotis haben. Wir haben dann nur gelacht und ihm aufgezählt, was wir in Deutschland so essen. Er war aber nicht so begeistert davon und hat lieber weiter seine Rotis gegessen. Tagsüber haben wir Ludo (Mensch ärgere Dich nicht) auf dem Tablet gespielt oder irgend so ein Abschießspiel auf den Handys. Jeden zweiten Tag wurde gewaschen und die Wohnung ausgefegt und ausgewischt. Um die Wäsche zu waschen wurde alles zusammen gesucht was ein oder zweimal getragen wurde und dann wurden verschiedenfarbige Haufen gemacht. Gewaschen wurde in einer speziellen von oben beladbaren (Toplader) Maschine. Zuerst wurde die helle Wäsche in das Wasser getunkt, welches man zuvor in die Trommel füllen musste. Dann wurde die Wäsche gestartet und die Trommel drehte sich dreißig Minuten lang im Kreis. Neben der Maschine standen drei Eimer, die mit klarem Wasser gefüllt waren und dafür vorgesehenen waren, die Wäsche auszuspülen. Ja, man musste die Wäsche aus der Trommel nehmen, auswringen, in den ersten Eimer legen, durchdrücken, auswringen und in den zweiten Eimer legen, durchspülen, auswringen und in die Schleudertrommel geben. Wenn der erste Eimer zu “dreckig“ war, um die Wäsche durchzuspülen, wird der dritte genommen. Als alles durchgespült war und in der Schleudertrommel lag, konnte der Schleudergang gestartet werden und danach konnte die Wäsche endlich aufgehängt werden. Unser Wäsche wurde zum Schluss gewaschen, da das Wasser danach so schwarz vor lauter Dreck war, dass man es nicht noch einmal verwenden konnte, wie zum Beispiel nach der weißen Wäsche. Die Familie hat jeden Tag ihre Klamotten gewechselt und hat nicht verstanden, warum wir unsere Sachen nicht so oft waschen wollen. Eine umweltbewusste Denkweise ist bei ihnen noch nicht angekommen. Aber wer hat Schuld? Sie selbst? Die Schule? Oder die Regierung? Das sind alles Fragen, die uns auf unserer Reise durch Indien beschäftigen. Der Boden wurde mit einem Palmwedel ausgefegt, der etwa 1m lang ist und am Ende einen Griff hat. Damit kommt man unter alle Schränke und Betten und in alle Ritzen. Aber für den Rücken ist die Haltung nicht gerade angenehm. Wir haben schon Frauen gesehen, die einen ganzen Vorhof in dieser gebückten Haltung gefegt haben und haben uns gefragt, warum sie nicht, wie in Deutschland, einen Besen mit einem langen Stiel benutzen. Nachdem die Hausarbeit erledigt war, sind wir manchmal zu den Nachbarn Chai trinken gegangen oder haben einen frischen Saft von einem der Straßenstände getrunken. Jeden Tag waren wir bei irgendwelchen anderen Nachbarn und Freunden zum Kaffee eingeladen und jeden Tag hatten wir Besuch von neugierigen Kindern, die mit uns ein Foto machen wollten. Damit die Mutter nicht jeden Tag drei mal für uns kochen musste, und auch weil wir es gerne gemacht haben, sind wir raus gegangen und haben uns durch die verschiedenen Streetfoodstände probiert. Da in ein paar Tagen das Fest “Holi“ anstand wurden wir eingeladen bis dahin noch zu bleiben um mit ihnen gemeinsam zu feiern. Bis dahin mussten aber noch verschiedene Dinge erledigt werden, wie zum Beispiel das Backen von speziellen Keksen für dieses Festival oder das Putzen der gesamten Wohnung mit samt den Gardinen. Abhängen, waschen, trocknen und wieder aufgehängten. Einen Tag haben wir einen Sack voll Getreide gewaschen und in der Sonne getrocknet, damit das Getreide in der Mühle zu Mehl gemahlen werden konnte. Vormittags habe ich ab und zu mit der Mutter eine Stunde lang Yoga gemacht und mich danach total entspannt gefühlt. Wir haben oft gemeinsam gekocht, sodass ich gelernt habe indisch zu kochen und so konnte ich dann schon bald für uns alle den Chai kochen. Als wir für uns dann endlich beschlossen hatten Holi gemeinsam mit der Familie zu Feiern und so noch ein paar Tage länger zu bleiben, kam die Nachricht, dass wir nicht einen Tag länger bleiben dürften. Der neue Polizeichef hat ganz genau kontrolliert wer in dem Polizeidistrikt ein und ausgegangen ist und so hat er auch bemerkt, dass wir schon sehr lange dort waren. Das war für uns eigentlich auch nicht erlaubt und stand auch in unserem Visum, aber vorher hatte es keinen gestört. Also haben wir uns nach acht Tagen von der Familie unerwartet verabschieden müssen. Da die Inder sehr emotional sind flossen ihre Tränen und wir versprachen ihnen zur Hochzeit ihrer Verwandtschaft zu kommen, um sie wieder zu sehen. Glücklich nach dieser langen Pause wieder auf dem Rad zu sitzen sind wir nun gen Rishikesh gefahren.

Montag, 8. April 2019

Tja Mahal

Der Taj Mahal, („Krone des Palastes“), ist ein ca. 58 Meter hohes und 56 Meter breites Mausoleum (Grabgebäude), das sich auf einer 100 Meter × 100 Meter großen Plattform (jagati) am Stadtrand von Agra erhebt. Der Gebäudekern besteht ebenso wie die Kuppel und die Minarette aus vor Ort gebrannten Ziegelsteinen, die außen wie innen mit weißen Marmorplatten verkleidet sind. Der Großmogul Shah Jahan ließ den Bau zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal erbauen. Da das Fremdwort hier für ein Gebäude, ein Grabmal, also etwas sachliches steht, wird im Deutschen oft von „das Taj Mahal“ gesprochen. Der Bau des Taj Mahal wurde kurz nach dem Tode Mumtaz Mahals im Jahr 1631 begonnen und 1648 fertiggestellt. Beteiligt waren über 20.000 Handwerker aus vielen Teilen Süd- und Zentralasiens. Die Baumaterialien wurden aus Indien und anderen Teilen Asiens mit Hilfe von ca. 1000 Elefanten herangeschafft. Der Taj Mahal wurde 1983 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Heute gilt es wegen der Harmonie seiner Proportionen als eines der schönsten und bedeutendsten Beispiele des Mogulstils. Rabindranath Tagore beschrieb in einem seiner Gedichte den Taj Mahal als „eine Träne auf der Wange der Zeit“. Der Taj Mahal ist ein beliebtes Ziel frisch vermählter indischer Eheleute, der Besuch soll die gegenseitige Liebe dauerhaft machen und bestärken. Nach Bombendrohungen im Jahre 2006 verstärkten die indischen Behörden die Sicherheitsvorkehrungen. Das Gelände des Taj Mahal kann nur noch durch Sicherheitsschleusen betreten werden. Die Mitnahme von Flüssigkeiten, ausgenommen Trinkwasser, ist Besuchern nicht erlaubt. Das Baudenkmal wird von Soldaten rund um die Uhr bewacht und in seinem Umkreis wurde ein Flugverbot erlassen. Wir haben dieses touristische Ausflugsziel, hingegen unserer eigenlichen Abneigung gegen touristische Attraktionen, auch besucht. Für Ausländer kostet der Eintritt 1100 Rupien und 50 Rupien für Inder. Das sind etwas 17 Euro zu 70 Cent. Dennoch waren viele der Inder, die wir auf unserem Weg bisher getroffen haben noch nie in Agra um den Taj Mahal zu besichtigen und das ist nicht die einzige Sehenswürdigkeiten, die wir einigen Indern voraus haben. Wir haben oft schon mehr Landkreise in der kurzen Zeit befahren als die Einheimischen je in ihrem Leben gesehen haben. Bei vielen ist die Reise- und Ausflugskultur nicht so selbstverständlich wie bei uns Deutschen. Und zudem fehlt oft das Geld und die Zeit. Viele sind an ihren Job gebunden und können es sich nicht erlauben auch nur fünf Tage weg zu sein und viele junge Menschen mit denen wir gesprochen haben, haben ihre Eltern im Rücken, die es ihnen nicht erlauben in die Fremde zu reisen. Eines der größten Träume ist es daher, einmal reisen gehen zu können. Doch die Freiheit beschränkt sich oft nur darauf in der Studienzeit einmal bis nach Mitternacht mit den Freunden draußen zu bleiben. Für uns ist es unvorstellbar, doch hier ist es selbstverständlich, dass man sich immer nach den Eltern richtet und genau das macht, was sie im Kopf haben. Der Generationenvertrag ist hier verbindlicher als alles andere und auch notwendiger als jede Freiheit, da das Gesundheitssystem nicht mit dem von Deutschland zu vergleichen ist.

Freitag, 5. April 2019

Seht ihr da..

..irgendwo ein Fenster? Ne? Ist auch nicht wichtig. Aber eine freie Sicht ist hier in Indien auch nicht so wichtig, da hinten auf dem Truck steht: “horn pleace“ (bitte hupen) und somit hupen alle die den Truck überholen und so weiß der Fahrer auch ohne Fenster bescheid, dass jemand kommt. An den Seiten gibt es noch kleine Fenster, durch die die Beifahrer ihre Füße in den Wind halten und sich weit hinaus lehnen wenn sie an uns vorbei fahren. Ganz neugierige Truckfahrer halten sogar an oder bremsen auf einmal auf 30 km/h runter und quatschen mit uns. Dass der ganze Verkehr gestoppt wird und die Autos anfangen wie wild zu hupen stört sie meistens nicht.

Dienstag, 2. April 2019

Das Fort von Amber

Von Jaipur aus haben wir mit dem Fahrrad einen Tagesausflug nach Amber unternommen um das Fort zu besichtigen. Auf dem Weg dorthin haben wir Elefanten getroffen, die uns mit Reitern entgegen kamen (Foto). Das Fort von Amber (Foto), wurde in den Jahren um 1590 erbaut und war der Fürstenpalast der Kachchwaha-Dynastie, bevor Jaipur zur Residenzstadt wurde. Bei vielen Gebäuden sind deutliche Anklänge bzw. Übernahmen aus der Mogul-Architektur zu spüren. Als besonders sehenswert gilt der Spiegelsaal (Foto), dessen Inneres mit einer Vielzahl von kleinen Spiegeln dekoriert ist. Im Ort selbst gibt es mehrere Hindutempel (mandira) aus dem 17. bis 19. Jahrhundert und zwei Stufenbrunnen (Foto). Die heute gerne von den Affen als Spielplatz genutzt werden. Eigentlich haben wir diese Sehenswürdigkeiten nur besichtigt, da uns das Pärchen, welches wir schon im Iran und in Udaipur getroffen haben, erzählt hat, dass sie sich so gegen elf Uhr auf den Weg dorthin machen würden und wir uns dort treffen könnten. So kam es, dass wir die beiden ein drittes Mal wieder sahen.

Montag, 1. April 2019

Jaipur

Nur noch 10 km und dann haben wir es für heute geschafft. Doch diese letzten Kilometer führten uns durch die Stadt Jaipur. Wir hatten bereits etwa 80 km Gegenwind hinter uns und wollten nur noch ankommen. Am Himmel zogen langsam dunkle Wolken auf und der Wind nahm an Geschwindigkeit zu. Staubwolken flogen uns um die Ohren. Apropos Ohren. Die hupenden Autos waren heute besonders laut. Jedes Mal wenn ein Vehikel direkt neben uns auf seine Hupe drückte, zuckte ich zusammen und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Arne machte es nichts aus, aber ich musste mir Oropax in die Ohren stecken um nicht durchzudrehen. Schon viel besser. Nun drang nur noch halb so viel zu mir durch und ich konnte mich auf den Verkehr konzentrieren. Je weiter wir in die Stadt vor drangen, desto voller und schmaler wurden die Straßen. Am Straßenrand wurden die Kornfelder von Müllhaufen und stehenden Abwassern abgelöst und der beißende Geruch von Aß, Chemikalien und Müll, stieg uns in die Nase. Noch weiter in der Stadt wurden die Abfälle von Ständen, Geschäften, Werkstädten und Restaurants abgelöst. Alles war voll mit parkenden Fahrzeugen, laufenden Passanten und arbeitenden Menschen, die ihren Arbeitsplatz auf die Straße verlegt hatten, da ihre Werkstatt zu klein und zu voll gestopft ist. Wir wichen immer wieder irgendwelchen Hindernissen aus und schauten abwechselnd skeptisch zum Himmel. Dicke Wolken schoben sich vor die Sonne und ich fragte Arne, wie weit es noch ist. Doch es war zu weit um vor dem ersten Regentropfen die Wohnung zu erreichen, die für die nächsten Tag unser Zuhause sein sollte. Noch eine starke Windböhe und dann war es so weit. Hektisch liefen die Menschen umher und räumten die Sachen ein. Schnell wurden noch irgendwelche Planen über die Obststände geworfen und dann war auch schon alles nass. Wir wurden seit Monaten das erste Mal wieder nass. Und dann aber auch so richtig. Alle Verkehrsteilnehmer flüchteten unter irgendwelche Vorsprünge und Baumkronen, um das Schlimmste abzuwarten. Wir nutzten die Gelegenheit um schnell voran zu kommen. Vor uns rutschte ein Motorradfahrer aus und landete flach auf der Straße, die Scheibenwischer der Autos hinterließen einen schmierigen Film auf der Scheibe, der Regen füllte die Straßenlöcher mit Wasser, sodass man sie nicht mehr einsehen konnte und die Sicht war durch die Wasserbindfäden des Gewitters auf einige Meter eingeschränkt. Geschwind und wendig bewegten wir uns durch dieses Chaos und erreichten die Wohnung. Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Dafür aber hatten wir nun den Regen in unserer Wohnung. Alle, und ich übertreibe nicht wenn ich alle sage, Wasserhähne in den zwei Bändern die wir hatten tropften. Es waren insgesamt fünf Hähne, die unterschiedlich stark tropften. Von einem leichten Sekundentropfen bis hin zu einem durchgehenden Rinnen. Aber daran gewöhnten wir uns schnell. Natürlich war die Wohnung mal wieder von dem Freund von einem Freund. Dieser Freund war Mitglied einer Rennradgruppe und lud uns daher zu einer der morgendlichen Sportrunden ein. Pünktlich wie wir sind waren wir um 7:30 Uhr am Treffpunkt. Noch war weit und breit kein Radrennfahrer zu sehen, also saßen wir auf einer Bank und warteten. Und warteten. Und warteten. Jedes Mal wenn ein Fahrradfahrer an uns vorbei fuhr schauten wir gespannt auf, doch keiner dieser Radfahrer hielt an. Da kam dann, 40 Minuten zu spät, der Freund, der uns einlud. Es stellte sich heraus, dass alle anderen Radfahrer schon wieder zuhause waren, da sie bereits um 5.30 Uhr ihre Runde gefahren sind. Also sind wir zu dritt ein wenig durch die Stadt gefahren und haben uns einige der Sehenswürdigkeiten angeschaut. Als wir gerade schwungvoll auf eine Kreuzung zu fuhren, stoppte der Verkehr vor uns abrupt und wir hätten beinahe einen Auffahrunfall verursacht. Natürlich hatten wir auch die rote Ampel vor uns gesehen, haben uns aber nichts dabei gedacht, sondern sind so wie sonst auch immer einfach weiter gefahren. Wir haben aufgehört eine grüne Ampel von einer roten Ampel zu unterscheiden, nachdem wir einige Male verzweifelt vor einer Ampel standen und uns das Chaos anschauten. Doch in Jaipur war es anders. Hier stoppten die Menschen für rote Ampeln und und warteten bis es grün wurde. Natürlich warteten sie nicht vor dem Haltestreifen, sondern deutlich dahinter, sodass die kreuzenden Autos einen kleinen Bogen fahren mussten. Doch sie stoppten und das war anders als sonst. Andere Städte, andere Sitten. Doch was war denn jetzt richtig? In der darauf folgenden Stadt wurden wieder alle roten Ampeln überfahren. Die Inder nennen es Freiheit. Erneut stoppte der Freund vor uns, doch diesmal nicht wegen einer Ampel, sondern um uns zu fragen, ob wir nicht etwas frühstücken wollten. Wir sind zwar erst fünf Kilometer gerollt, doch warum nicht. Frühstück ist immer gut. Also fuhren wir nach einem kurzen Telefonat zu einem anderen Freund. Die Fahrräder stellten wir unten im überwachten Innenhof ab und fuhren mit einem von Musik erfüllten Fahrstuhl in den achten Stock. Die Tür der Wohnung stand bereits offen und wir wurden freundlich von einem älteren Herr und seiner Ehefrau empfangen. Die Penthouse-Wohnung war ein Geschenk von dem Mann an seine Frau. Dazu gehören vier Balkone, die zu allen Richtungen ausgerichtet sind, fünf Zimmer für alle Situationen, eine große Küche, drei Angestellte und eine Sonnenterrasse. Wir beide standen mit unseren dreckigen Radklamotten etwas planlos und verloren in der Gegend herum. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir in so eine Wohnung hineinstolpern würden. Da waren wir nun mal, genossen den uneingeschränkten Ausblick auf die gesamte Stadt, aßen das frisch zubereitete Frühstück, tranken Tee aus Porzellantassen, aßen silberüberzogene Pralinen und quatschten mit unserem Gastgeber. Nur wenige Stunden später fuhren wir durch enge, matschige Gassen, wo wir immer wieder dicken Sauen und toten Ferkeln ausweichen mussten. Der beißende Geruch von allem nur erdenklichen stieg uns unaufhörlich in die Nase und weit und breit war kein, in der doch sehr touristischen Stadt, Tourist zu sehen. Auch von der sonst eher sauberen Stadt, war hier nichts zu sehen. Wir waren in nur wenigen Stunden und innerhalb weniger Kilometer in zwei komplett unterschiedlichen Welt gewesen.