Mittwoch, 17. April 2019
Acht Tage lang Mitglied einer indischen Familie
Gekommen sind wir mit dem Gedanken für eine Nacht zu bleiben und gefahren sind wir mit dem Plan diese Familie ein zweites oder sogar drittes Mal wieder zu sehen. Wir sind also dort angekommen, haben es abgelehnt noch am selben Tag ihr Landhaus zu besuchen und mussten/wollten daher gleich einen Tag länger bleiben. Und dann noch einen und noch einen und so weiter.. Bis uns der Polizeichef die Entscheidung, wann wir denn jetzt endlich weiter fahren sollten, abgenommen hat, indem er es uns verboten hat länger zu bleiben. Aber dazu später.
Erstmal muss ich Euch erklären wo wir da überhaupt gelandet waren. Der Vater der Familie ist ein Polizist und Polizisten bekommen für sich und die Familie ein kleines Appartement in einem abgesperrten Polizeidistrikt zur Verfügung gestellt, damit sie die Möglichkeit haben in Arbeitsplatznähe zu leben.
Das Polizeidistrikt ist wie eine kleine Stadt in einer Stadt. Es gibt eine Mensa, einen Sportplatz, eine Schule, ein Sportkomplex, eine Mühle, eine Wasseraufbereitungsanlage und einige kleine Shops. Es wird 24 Stunden lang überwacht wer ein und aus geht und jeder Neuankömmling muss sich mit Namen und Unterschrift in ein Buch eintragen.
Die Appartements für die Familien sind klein und bestehen meist nur aus zwei kleinen Räumen, einer noch kleineren Küche und einem noch viel kleineren Bad. So auch die Wohnung in der wir für die nächste Zeit zu sechst lebten. Vater: Senior Polizist, erster Sohn: Student, Zweiter Sohn: Schüler im letzten Jahr, Mutter: Hausfrau und Mutter, Wir: Gäste und nach einem Tag Teil der Familie.
Die Familie schafft es auch nur gemeinsam auf so engem Raum zu leben, da sie noch ihr Landhaus in einem Ort außerhalb der Stadt haben. Und dort fahren sie für Ferien, Wochenenden, Festivals, Familientreffen und andere Gelegenheiten hin, so wie auch wir für einen Tag dort hingefahren sind.
Nach dem Morgenchai und dem späten Frühstück haben wir uns zu dritt auf den Weg gemacht. Zuerst haben wir uns an die Hauptstraße gestellt und auf einen Bus gewartet. Ob dort jetzt eine Bushaltestelle war oder nicht, spielte keine Rolle. Die Busse die in der Stadt fahren halten überall an, wo Menschen an der Straße stehen und die Hand heben, als Zeichen, dass sie mitfahren wollen.
Die Busse, die über Land fahren und die Städte verbinden halten nur an vorgesehenen Haltestellen.
Na ja, es kam aber kein Lokalbus vorbei, um uns mitzunehmen, also haben wir eines der vielen Tucktucks angehalten und uns zu den drei anderen Menschen hineingequetscht. Wer nicht schnell genug saß, wurde unfein in den Sitz geschmissen, als das Tucktuck anfuhr. Jedes Schlagloch war dreimal so hart zu spüren und jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass gleich der Kotflügel abfallen wird. Etwas anderes konnte auch nicht mehr abfallen, da gar nichts mehr vorhanden war. Arne musste seinen Kopf einziehen, damit er nicht bei jedem Huckel mit dem Kopf gegen die Decke schlug.
Als wir dann am ZOB ankamen stiegen wir in einen Überlandbus um. Dieser Bus war nicht mal ansatzweise mit einem deutschen Linienbus zu vergleichen, aber er erfüllte seinen Zweck und brachte Menschen von A nach B. Er brachte viele Menschen von A nach B. Sogar sehr sehr viele Menschen. Wir bekamen jedes Mal einen Sitzplatz, da die Menschen für mich Platz machten, da ich eine Frau war und für Arne machten sie Platz, da er nicht aufrecht im Bus stehen konnte. Überhaupt ist vieles hier in Indien für Arne wie in einer Zwergenhöhle, da die durchschnittliche Größe, nach der alles andere ausgerichtet wird, kleiner ist als in Deutschland.
Irgendwo im nirgendwo sind wir dann ausgestiegen und die letzten Kilometer zu Fuß in den Ort gelaufen. Rechts und links vom Weg war alles voll mit reifem Zuckerrohr, der auf seine Ernte wartete.
Ein Ochsenkarren kam uns noch entgegen und dann erreichten wir auch schon die ersten Häuser. Draußen saßen die Menschen auf ihren Betten und quatschten gemeinsam über das Wetter. Im Hof standen die Kühe (in Indien meist Büffel) und die Kinder spielten gemeinsam auf der Straße. Wir wurden mit einem Chai empfangen, haben uns das Haus in allen Ecken angeschaut, frischen Zuckerrohr vom Feld gegessen und später sind wir zu den Nachbarn gegangen und haben erneut Chai getrunken und Snacks gegessen. Den Zuckerrohr musste man zuerst mit den Zähnen schälen. Das war gar nicht so einfach, da die Stangen von außen sehr hart sind. Von innen sind sie dann aber super süß und saftig und der Zuckerrohrsaft läuft einem an den Händen entlang. Unser Gastgeber war geschickt im Schälen und abbeißen der Stange, wir dagegen hatten uns noch nicht einmal bis zur Hälfte durchgekämpft, als er schon fertig war.
Um nicht wieder den ganzen Weg zu Fuß zur Bushaltestelle zurück laufen zu müssen, haben wir einen Büffel vor die Kutsche gespannt und haben uns fahren lassen. Hui, war das eine wilde Fahrt. Ich habe nicht gewusst, dass solch ein massives Tier so schnell über die Landstraße galoppieren kann, ja sogar fast über die Landstraße fliegen kann.
Auf dem Rückweg hatte unser Bus dann noch einen Platten und bis wir schließlich wieder zurück waren war es dunkel. Die Mutter hatte uns ein leckeres Abendessen gekocht und wir haben in dem einzigen richtigen Zimmer mit Bett ganz vorzüglich geschlafen. Der Rest der Familie hatte ein Lager aus Feldbetten aufgeschlagen und eng beieinander geschlafen. Es ist hier nichts ungewöhnliches, dass die ganze Familie in einem Zimmer oder sogar in einem Bett schläft und noch viel selbstverständlich ist es, dass die Gäste das aller beste Bett und Zimmer bekommen.
Morgens sind wir von dem Geräusch des Ingwer zerstampfens aufgewacht und wussten sofort, dass es gleich Chai gab. Arne ist dann meist zur Badmintonhalle gegangen oder wurde zum Badminton spielen abgeholt. Die Leute haben gerne mit ihm Badminton gespielt und für die Kinder war es eine richtige Attraktion ihm beim spielen zuzusehen, sodass sich jedes Mal eine Menge Zuschauer am Rand des Spielfeldes versammelte.
Ich habe ihn dann oft nach einer Weile abgeholt und wir sind gemeinsam noch ein paar Runden um den Sportplatz gelaufen. Ich war danach knall Rot im Gesicht und die Mutter hat sich jedes Mal Sorgen gemacht. Die beiden Jungs haben in der Zeit meist nichts gemacht oder uns zugeschaut. Täglicher Sport ist in Indien nicht so verbreitet. Das Frühstück gab es immer erst sehr spät, da es im Norden Indiens gar keine richtige Frühstückskultur gibt. Hin und wieder gab es salziges Toast zum Tee, ein Paratha (ähnlich wie gefüllter Pfannkuchen) oder Kekse. Und dann gab es so gegen 11 Uhr Mittag. Die Vielfalt, wie wir sie weiter südlich hatten war hier auch eher eingerostet. Zu jeder Mahlzeit gab es Rotis (indisches Fladenbrot) und Sabzi (Gemüse). Hin und wieder hat etwas Reis, Buttermilch oder Jogurt etwas Abwechslung hinein gebracht. Wenn ich dann nur den Reis gegessen habe und kein Roti dazu, haben sie mich immer ganz entsetzt gefragt, ob ich den nicht hungrig sei. Für sie ist eine Mahlzeit nur eine richtige Mahlzeit, wenn Rotis gegessen werden. Einer der Jungs hat uns grübelnd angeschaut und uns dann gefragt, was wir den in Deutschland zum Gemüse dazu Essen, wenn wir keine Rotis haben. Wir haben dann nur gelacht und ihm aufgezählt, was wir in Deutschland so essen. Er war aber nicht so begeistert davon und hat lieber weiter seine Rotis gegessen.
Tagsüber haben wir Ludo (Mensch ärgere Dich nicht) auf dem Tablet gespielt oder irgend so ein Abschießspiel auf den Handys.
Jeden zweiten Tag wurde gewaschen und die Wohnung ausgefegt und ausgewischt. Um die Wäsche zu waschen wurde alles zusammen gesucht was ein oder zweimal getragen wurde und dann wurden verschiedenfarbige Haufen gemacht. Gewaschen wurde in einer speziellen von oben beladbaren (Toplader) Maschine. Zuerst wurde die helle Wäsche in das Wasser getunkt, welches man zuvor in die Trommel füllen musste. Dann wurde die Wäsche gestartet und die Trommel drehte sich dreißig Minuten lang im Kreis. Neben der Maschine standen drei Eimer, die mit klarem Wasser gefüllt waren und dafür vorgesehenen waren, die Wäsche auszuspülen. Ja, man musste die Wäsche aus der Trommel nehmen, auswringen, in den ersten Eimer legen, durchdrücken, auswringen und in den zweiten Eimer legen, durchspülen, auswringen und in die Schleudertrommel geben. Wenn der erste Eimer zu “dreckig“ war, um die Wäsche durchzuspülen, wird der dritte genommen. Als alles durchgespült war und in der Schleudertrommel lag, konnte der Schleudergang gestartet werden und danach konnte die Wäsche endlich aufgehängt werden. Unser Wäsche wurde zum Schluss gewaschen, da das Wasser danach so schwarz vor lauter Dreck war, dass man es nicht noch einmal verwenden konnte, wie zum Beispiel nach der weißen Wäsche.
Die Familie hat jeden Tag ihre Klamotten gewechselt und hat nicht verstanden, warum wir unsere Sachen nicht so oft waschen wollen. Eine umweltbewusste Denkweise ist bei ihnen noch nicht angekommen. Aber wer hat Schuld? Sie selbst? Die Schule? Oder die Regierung? Das sind alles Fragen, die uns auf unserer Reise durch Indien beschäftigen.
Der Boden wurde mit einem Palmwedel ausgefegt, der etwa 1m lang ist und am Ende einen Griff hat. Damit kommt man unter alle Schränke und Betten und in alle Ritzen. Aber für den Rücken ist die Haltung nicht gerade angenehm. Wir haben schon Frauen gesehen, die einen ganzen Vorhof in dieser gebückten Haltung gefegt haben und haben uns gefragt, warum sie nicht, wie in Deutschland, einen Besen mit einem langen Stiel benutzen. Nachdem die Hausarbeit erledigt war, sind wir manchmal zu den Nachbarn Chai trinken gegangen oder haben einen frischen Saft von einem der Straßenstände getrunken.
Jeden Tag waren wir bei irgendwelchen anderen Nachbarn und Freunden zum Kaffee eingeladen und jeden Tag hatten wir Besuch von neugierigen Kindern, die mit uns ein Foto machen wollten.
Damit die Mutter nicht jeden Tag drei mal für uns kochen musste, und auch weil wir es gerne gemacht haben, sind wir raus gegangen und haben uns durch die verschiedenen Streetfoodstände probiert.
Da in ein paar Tagen das Fest “Holi“ anstand wurden wir eingeladen bis dahin noch zu bleiben um mit ihnen gemeinsam zu feiern. Bis dahin mussten aber noch verschiedene Dinge erledigt werden, wie zum Beispiel das Backen von speziellen Keksen für dieses Festival oder das Putzen der gesamten Wohnung mit samt den Gardinen. Abhängen, waschen, trocknen und wieder aufgehängten. Einen Tag haben wir einen Sack voll Getreide gewaschen und in der Sonne getrocknet, damit das Getreide in der Mühle zu Mehl gemahlen werden konnte.
Vormittags habe ich ab und zu mit der Mutter eine Stunde lang Yoga gemacht und mich danach total entspannt gefühlt. Wir haben oft gemeinsam gekocht, sodass ich gelernt habe indisch zu kochen und so konnte ich dann schon bald für uns alle den Chai kochen.
Als wir für uns dann endlich beschlossen hatten Holi gemeinsam mit der Familie zu Feiern und so noch ein paar Tage länger zu bleiben, kam die Nachricht, dass wir nicht einen Tag länger bleiben dürften. Der neue Polizeichef hat ganz genau kontrolliert wer in dem Polizeidistrikt ein und ausgegangen ist und so hat er auch bemerkt, dass wir schon sehr lange dort waren. Das war für uns eigentlich auch nicht erlaubt und stand auch in unserem Visum, aber vorher hatte es keinen gestört. Also haben wir uns nach acht Tagen von der Familie unerwartet verabschieden müssen. Da die Inder sehr emotional sind flossen ihre Tränen und wir versprachen ihnen zur Hochzeit ihrer Verwandtschaft zu kommen, um sie wieder zu sehen. Glücklich nach dieser langen Pause wieder auf dem Rad zu sitzen sind wir nun gen Rishikesh gefahren.
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