Dienstag, 23. April 2019

Indische (Mitternachts-) Hochzeit

Wir sind unmittelbar nach dem Kabelriss also einen Tag vor der Hochzeit bei der Familie angekommen. Es war eigentlich schon der zweite Tag der insgesamt viertägigen Hochzeit, aber es war der Tag vor der großen Vermählung. Es handelte sich bei dieser Hochzeit um eine hinduistische und arrangierte Vermählung. Wochen vorher haben die Eltern für ihre 24-jährige Tochter einen passenden Ehemann gesucht. Dafür gibt es zur Unterstützung Heiratszeitschriften, die regelmäßig neu erscheinen und voll sind mit Anzeigen, die von den Eltern aufgegeben werden. Darin ist das Alter, der Abschluss, der Beruf, die Hobbies und andere Begabungen zu sehen. Am wichtigsten ist aber der Familiennamen und die Kaste aus der die Familie kommt, sodass eine Vermählung innerhalb der Familie vermieden wird, man sich aber immer noch innerhalb seiner Kasten bewegt. Damit es leichter ist ausschließlich in seiner eigenen Kaste einen Ehemann zu suchen, gibt es für jede Kaste eine separate Zeitschrift. Aber das Kastensystem gibt es doch eigentlich nicht mehr. Na ja, ich weiss auch nicht. Auf jeden Fall suchen die Eltern eine passende Familie mit dem passenden Ehemann als Sohn. Haben sie diese Familie gefunden, treffen sich die Eltern beider Familien gegenseitig und schauen ob es passt. Was genau da jetzt passen soll weiss ich nicht, da die beiden Betroffenen ja gar nicht dabei sind. Wenn dann beide Seiten einverstanden sind, kommt es zur Verlobung. Dazu kommen beide Familien bei der zukünftigen Braut zusammen und halten irgendwelche Rituale ab und machen Fotos, die später in einem großen Fotoalbum zusammen gestellt werden. Der Bräutigam ist dabei nicht anwesend. Ich möchte noch mal darauf hingewiesen, dass es viele verschiedene Varianten gibt und unterschiedlichste Auslegungen des Heiratsprozesses und nicht alle Hochzeiten laufen so ab wie diese Hochzeit die wir besucht haben, und die ich jetzt hier versuche zu beschreiben. Nach der Vermählung konnten die Vorbereitungen für die Hochzeit beginnen. Alle Verwandten, ob nah ob fern, allen Freunden der Familie, ob man sie mag oder nicht und die gesamte Nachbarschaft wurde persönlich eingeladen. Diese konnten dann wiederum ihre ganze Verwandtschaft und ihre Freunde und Nachbarschaft, ohne weitere Rücksprache, mitbringen. Somit weiss man nie genau wie viele Leute zu der Hochzeit kommen werden und daher wird lieber zu viel als zu wenig bestellt und jedes Mal gibt es Essen im Überfluss. Auf dieser Hochzeit waren etwa “nur“ 400 Gäste, was für indische Verhältnisse sehr wenig ist. Nicht selten gibt es Hochzeiten mit 1000 bis 2000 oder mehr Gästen. Wenn alle eingeladen wurden musste eine Liste erstellt werden, mit Dingen die alle besorgt und vorbereitet werden müssen. Da gibt es Süßigkeiten und Kokosnüsse, die zu kleinen Päckchen verpackt werden müssen. Ein Hochzeitskleid muss ausgesucht werden, neue Klamotten müssen gekauft werden, da die Braut nach der Hochzeit eine gewisse Zeit lang nur neue Klamotten tragen darf, es muss ein Auto als Geschenk für den Bräutigam ausgesucht werden, ein Künstler muss der Braut Henna auf Arme und Füße malen, es müssen Möbel für die Braut ausgesucht werden, es muss ein Heiliger bestellt werden, der eine bestimmte Zeremonie vollzieht, es müssen Trommler gemietet werden, die für etwa eine Stunde lang trommeln, es muss ein ganzes Filmkamerateam gemietet werden, das Haus muss geschmückt werden, einige Gäste müssen Tage vorher schon verpflegt und untergebracht werden, eine Location und ein Catering muss ausgewählt werden und und und.. Dann endlich kommt es zur Hochzeit. Welche Rituale bei dieser Hochzeit an den ersten drei Tagen vollzogen wurden weiss ich nicht, aber am dritten Tag wurde abends getanzt. Handymusik an, laute Boxen und los ging's. Jeder hat wild auf der Terrasse getanzt, ob jung ob alt, ob männlich oder weiblich, ob dick oder dünn und ob klein oder groß. Kurz gesagt ALLE außer Arne. Nach einer kurzen Nacht wurden wir früh von den letzten Vorbereitungen und den aufgeregten Menschen geweckt. Frühstück gab es heute für alle, die bereits da waren, in der Wohnung der Familie der Braut. Mittags gab es dann die erste Zeremonie. Der bestellte Heilige kam mit seiner Tasche auf die Terrasse der Familie und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Zuerst wurden alle Jungs und Männer gebeten sich dazu zu setzen und die Frauen und Mädchen mussten weg bleiben. Die Zeremonie begann, sobald der Heilige anfing in einen monotonen Sprechgesang zu fallen. Er band jedem ein Armband um, malte jedem einen Punkt auf die Stirn und drückte anschließend etwas Ries auf die Farbe. Er mixte Reis, Geld, Grünzeug und Farbe zusammen und am Ende hingen über der Haustür zusammengebundene Schilfrohre, in dessen Mitte das Zusammengemixte klemmte. Anschließend durften sich die Frauen mit samt der Braut zu ihm setzen. Er verfiel erneut in einen monotonen Sprechgesang, band der Braut ein weißes Stoffband um, was so aussahen wie ein Verband und es durfte erst nach der Hochzeit vom Bräutigam wieder abgenommen werden. Am Ende bekam der Heilige Geld, er packte seinen Koffer und ging so schnell wie er gekommen war. Nachmittags fingen alle an sich schöne Kleider anzuziehen und sich die Haare zu machen. Die Männer liefen weiterhin in T-Shirt und Jogginghose herum und machten keine Anstalten sich umzuziehen. Plötzlich ertönte ein lautes Trommeln vor dem Haus und es hieß nun, alle vor die Tür. So standen wir fünf Minuten später alle, bis auf die Braut und ihre engste Verwandtschaft, vor dem Haus und warteten. Mir fielen fast die Ohren ab, da die zwei Trommler so laut auf ihre Trommeln schlugen, dass die Luft zu vibrieren begann. Endlich rückte auch das Kamera Team an und die Show konnte beginnen. Die Frauen fingen an vor der Kamera zu tanzen und einen riesigen Spaß vorzutäuschen. Drum herum stand der Rest und schaute gelangweilt zu. Was hinter der laufenden Kamera passierte war nicht so wichtig. Wichtig war nur, dass es am Ende einen schönen Hochzeitsfilm gibt und es zählte nur, was vor der Kamera geschah. Langsam setzte sich die ganze Masse in Bewegung. Erst die Tänzerinnen, dann die Kameras, dahinter die Trommler und zum Schluss der Rest. Im Gänsemarsch ging es die Treppe hoch zur Braut und ihrer Familie, die schon zusammen gedrängt in der Tür warteten. Ganz vorne in der Mitte stand die Mutter mit einem Tablet und vor ihr war eine kleine Stufe (Podest) aufgestellt. Jetzt traten nach und nach die anwesenden Mitglieder vor die Mutter, stiegen auf die Stufe und übergaben Geschenke und/oder Geld. Zuerst wurde das Geld übergeben und das Geschenk auf den Kopf der Mutter gelegt, dann wurde demjenigen von der Mutter ein Punkt auf die Stirn gemalt und er wurde drei mal mit Reis beworfen. Danach nahm die Mutter den Zipfel ihres Kopftuchs in die Hand und drückte abwechselnd das Tuch gegen ihre Stirn und gegen die des Gegenübers. Derjenige, der das Geld/Geschenk überreichte wurde mit Süßigkeiten gefüttert und zum Schluss hat er noch ein Tüttchen mit einer Kokosnuss und Süßigkeiten bekommen. Dann war der Nächste an der Reihe und so weiter. Hinterher liefen einige der Familienväter herum und verteilten 10 Rupie Scheine an jeden, der der Braut vorher etwas überreicht hatte und an uns, warum genau weiß ich auch nicht :D Nach dieser Zeremonie fingen die Frauen an sich erneut umzuziehen. Alle drängten sie in ein Zimmer, quaselten los und machten sich hübsch. Ich saß mitten zwischen ihnen und wurde ständig gefragt, ob ich nicht auch Nagellack, Make up oder Schmuck tragen möchte. Ich habe immer sehr freundlich abgelehnt, ausser bei einem indischen Kleid habe ich zugestimmt. Also trug ich bei der Hochzeit ein Salwar Kamiz (Kleid mit Schlitzen an den Seiten von der Hüfte abwärts) und eine Leggins. Ich war mal wieder schon lange fertig und konnte so den Frauen beim “hübsch machen“ zusehen. Da wurden die Saris gelegt und festgesteckt, tausend Armringe wurden über beide Arme geschoben, da wurden farblich passende Bindis ausgesucht und auf die Stirn geklebt (aber nur die verheirateten Frauen!) und es wurden die letzten Falten aus gebügelt. Ein letztes Selfi und wir konnten endlich los. Gegen 19:30 Uhr trudelten also so langsam die ganzen Menschen auf dem Hochzeitsplatz ein, der für uns nur fünf Minuten Fahrtweg entfernt lag. Auch die Familie aus dem letzten Blogeintrag, bei denen wir für acht Tage mitgelebt hatten, war wie versprochen, gekommen. Es war ein herzliches Wiedersehen, wobei uns die Familie so sehr beschlagnahmte, dass wir kaum mit irgendjemand Anderem reden konnten, geschweige denn alleine irgendwo hin gehen. Erst haben wir gemeinsam etwas gegessen. Es gab eine Obstbar, verschiedene Streetfoodstände, Hauptgerichte, verschiedene frische Brote, direkt vom Feuer bzw. Ofen und eine Nachtischbar. Überall standen Kellner hinter dem Essen, kochten frisch, füllten nach und gaben auf. Wir konnten uns also den ganzen Abend lang durch alles durch probieren. Wobei ich sagen muss, dass wir fast alles schon kannten.. Die Gäste kamen zahlreich, aßen, plauderten etwas und gingen wieder. Ja, sie gingen wieder nach Hause und das bevor überhaupt das Braupaar da war. Mittlerweile war es schon 23 Uhr. Die Gäste hatten sich blicken lassen, haben ihre Glückwünsche an die Eltern des Brautpaares überreicht, ggf. noch ein wendig Geld da gelassen und sind wieder gegangen. Das reichte. Nun waren sie auf der Liste als “anwesend“ notiert und sie hatten ihre soziale Pflicht erfüllt. Als nächstes ist nun die Familie des Brautpaares am Zug ihre soziale Pflicht zu erfüllen. Langsam leerte es sich wieder, dass Essen wurde bereits teilweise weggeräumt und die Gäste, die überhaupt noch da waren, hatten noch immer nicht das Brautpaar zu Gesicht bekommen. Da endlich, um 24 Uhr, kam der Bräutigam mit dem Auto vorgefahren. Alle Kameras gingen in Stellung und es konnte los gehen. Bevor der Bräutigam aber durch den Gang über den Platz bis zum Podest schreiten konnte musste er ein Band durchschneiden. Aber nicht einfach schnipp schnapp Band ab, sondern erstmal richtig positionieren, dann die Schere anlegen und inne halten. Ein leichtes Lächeln aufsetzen und nicht bewegen. Ein Blitzregen prasselte auf ihn ein. Die Videokameras liefen auf Hochtouren und jede Bewegung, jeder Moment wurde eingefangen. Das ging dann noch ewig so weiter, bis der Bräutigam endlich auf dem Podest angekommen war, sich in das Sofa setzte und nun auf die Braut wartete. Diese wartete bereits seit einer Ewigkeit hinter den Kulissen. Sie wünschte sich, dass ich sie besuchte und so ging ich zu ihr, wir quatschten, schossen Selfies, richteten den Schmuck und warteten gemeinsam, bis auch sie endlich los gehen konnte. Die ganze Zeit wurden wir von ihrem bewaffneten Onkel bewacht. Sie zeigte keine Aufregung und keine Emotionen. Sie meinte bloß, dass sie es einfach nur hinter sich bringen möchte. Jetzt war es so weit, sie durfte durch den Gang, über den Platz bis zum Podest schreiten. Doch auch hier wurde jeder Schritt mit den Kameras eingefangen. Ihr wurden Anweisungen gegeben wo sie hinschauen sollte, wie sie gehen sollte, wie sie ihre Hand halten sollte und wann sie einen Schritt machen durfte. War etwas nicht so gut gelungen, ging es einfach noch mal einen Schritt zurück. Die wenigen Gäste, die überhaupt noch da waren, ich glaube es waren nur noch wir beide und die Verwandtschaft, saßen müde in den Stühlen und interessierten sich gar nicht richtig für die heranschreitende Braut. Gleich war es so weit. Der große Moment, auf den ich die ganze Zeit gewartet hatte, stand bevor. Die Braut und der Bräutigam werden sich gleich das erste Mal sehen! Buuhm und es war so weit. Doch nicht's. Einfach nichts. Die Kameras blitzten weiter, die Kellner räumten weiter das Buffet ab und neben dem Podest wurde die Tanzfläche samt Musikanlage abgebaut. Kein Feuerwerk, keine Emotion, kein Lächeln. Ich war mir noch nicht mal sicher, ob sie sich überhaupt in die Augen geschaut hatten. Der vorgegebene Plan wurde einfach weiter durchgezogen. Es ging die ganze Nacht so weiter. Alle starrten müde in die Luft, die Kameramänner gaben Anweisungen, welche Pose als nächstes kam und ich hatte das Gefühl, dass alles nur für den Film danach gemacht wurde. Bevor Arne und ich um 2 Uhr beschlossen haben ins Bett zu gegen, da wir am nächsten Tag wieder 60 km vor uns hatten, haben wir, wie alle anderen auch, das Brautpaar gesegnet. Nach einander sind alle auf das Podest gestiegen, haben sich hinter das Paar gestellt, die Hände über die Köpfe gehalten und gewartet bis das Foto gemacht wurde. Und die nächsten bitte. Todmüde sind wir ins Bett bzw. auf den Boden gefallen und haben ganze zwei Stunden geschlafen, bis die anderen um 5 Uhr von der Hochzeit wieder kamen. Sie stürmten ungestüm ins Zimmer, unterhielten sich laut, machten dass Licht an und keiner machte sich Gedanken um uns. Wenn jemand im selben Raum schläft oder versucht zu schlafen, stört das hier keinen. Die Inder können aber auch immer und überall schlafen. Sie sind es von klein auf gewöhnt auf engem Raum, in lauter Umgebung und gemeinsam mit vielen Menschen in einem Raum zu schlafen. Wir aber nicht :D Morgens ging es mit halb geöffneten Augen zum Nachbarn (der uns das Werkzeug geliehen hatte) zum frühstücken. Wie sollen wir bloß die 60 km auf dem Rad Überleben? Doch Radfahren und dösen klappt erstaunlich gut ;) Und dann bestand uns nur noch der Anstieg über 600 Höhenmeter zu dem Camp bevor. Doch danach sollte uns unserem “Zuhause“ (dem Zelt) nichts mehr im Wege stehen. Müde und kaputt haben wir uns in unsere kleine Höhle zurückgezogen und die nächsten Tage Urlaub gemacht.

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