Donnerstag, 18. April 2019

Holi

Holi (Hindi, f., होली, holī) ist ein aus der hinduistischen Überlieferung stammendes Frühlingsfest am ersten Vollmondtag des Monats Phalgun (Februar/März). Dieses „Fest der Farben“ dauert mindestens zwei, in einigen Gegenden Indiens auch bis zu zehn Tage. Mit Holi wird das Fest hauptsächlich in Nordindien und Nepal bezeichnet, in anderen Landesteilen ist es unter anderen Namen bekannt. Dieses Jahr ist Holi auf den 20. und 21. März gefallen und wir haben diese Tage in Rishikesh verbracht. Rishikesh ist das Yogazentrum schlecht hin und es sind unzählige Menschen aus allen Ländern der Welt an diesem Ort um Yoga zu lernen und um ihren Yogalehrer zu machen. Alle die, die mit dieser Spiritualität nichts zu tun haben, kommen trotzdem zu diesem Ort, da hier der Ganges aus dem Himalaja fließt und es ein wunderschöner Anblick ist. Kurz gesagt der Ort ist voll von Touristen und wir sind völlig planlos in dieses Chaos hineingeradelt. Eigentlich wollten wir nur zu einem Camp im Himalaja fahren, um für einige Tage der indischen Reizüberflutung zu entkommen. Doch dann waren diejenigen, die dieses Camp organisieren beide in Rishikesh um ein Holi Festival zu organisieren. Also sind wir mit dem Ass im Ärmel, das wir die beiden Organisatoren nun kannten, die zwei Holi-Tage mit der bunten Masse mitgeschwommen. Holi ist eines der ältesten Feste Indiens. Fünf Tage nach Vollmond ist Rangapanchami (Ranga = Farbe; Pancami = der 5. lunare Tag), der zweite Tag des Festes. An diesem Tag scheinen alle Schranken durch Kaste, Geschlecht, Alter, Herkunft und gesellschaftlichen Status aufgehoben. Auch wenn das Kastensystem offiziell aufgehoben ist, existiert es dennoch in vielen Köpfen und wird auch so ausgelebt. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel. An diesem zweiten Tag wird ausgelassen gefeiert und man besprengt und bestreut sich gegenseitig mit gefärbtem Wasser und gefärbtem Puder, dem Gulal. Wer den Übermut ablehnt, bestreicht sich gegenseitig zumindest dezent mit etwas Pulverfarbe und geht lieber nicht raus auf die Straßen, denn dort lauert von überall die Gefahr mit Wasser bespritzt und mit Farben bestrichen und beworfen zu werden. Trotz aller Veränderungen in der modernen indischen Gesellschaft ist die sakrale Bedeutung weiterhin deutlich erkennbar, so werden etwa die Farben noch heute meist vorher auf dem Altar geweiht und die Menschen überbringen Segenswünsche. Ursprünglich entstanden die Farbpulver aus bestimmten Blüten, Wurzeln und Kräutern, die heilend wirken. Heute kommen häufig synthetische Farben zum Einsatz, die teilweise sogar schädlich sein können. Wir haben den Tipp bekommen uns vorher komplett mit (Kokos-) Öl einzuschmieren, um später die Farben besser abwaschen zu können. Im Nachhinein waren wir froh diesem Tipp gefolgt zu sein. Doch trotzdem war Tage später immer noch Farbe am Haaransatz zu finden :D und eine Woche später konnte man noch immer Mädchen mit regenbogenfarbenem Haar sehen, da sie die Farbe immer noch nicht aus ihrem eigentlich blonden Haar heraus bekommen haben und aus den Klamotten geht die Farbe sowieso nie wieder raus. Am ersten Tag von Holi entzündet man in der Nacht ein Feuer und verbrennt darin eine Figur aus Stroh, als Symbol für die Dämonin Holika. Verschiedene Mythen beschäftigen sich mit dieser Dämonin. Wie alle Feste ist auch Holi in seiner Bedeutung sehr vielschichtig. Im spirituellen Bereich vermittelt es, wie in der dazugehörenden Mythologie erkennbar, die Botschaft vom Triumph des Guten über das Böse. In der Natur dagegen markiert es den Sieg des Frühlings über den Winter, denn das Fest beginnt mit dem Aufblühen der Natur. Ein wichtiger Punkt ist den Menschen auch der Versöhnungsaspekt, denn es heißt, dass man in diesen Tagen auch alte Streitigkeiten begraben soll. Häufig ist es üblich, zu Holi ein Bhang genanntes Rauschmittel zu konsumieren. So mancher trinkt auch den traditionell verpönten Alkohol, was sich besonders in den Städten durch die daraus entstehende Gewalt immer mehr zu einem Problem entwickelt. Die Menschen aus dem Hostel, in dem wir eine Nacht geblieben sind, haben sich auch an diesen Getränken probiert und es war köstlich zu beobachten wie einer nach dem anderen den Folgen erlag und den Rest des Tages verschlief. Anders war es unter der feiernden Masse auf dem Festival. Dort wurde manch einer durch den Alkohol sehr aggressiv und ungehalten und man musste aufpassen, dass man nicht eine ganze Ladung von dem Pulverzeug ins Gesicht bekommt, sodass man kaum noch Luft bekommt, da das Pulver alle Öffnungen und Poren verstopft. Eigentlich werden aber die Farben liebevoll auf die Wangen, Stirn und/oder Hals gestrichen, während man sich gegenseitig ein fröhliches Holi-Fest wünscht. Es werden Farben in die Luft geschmissen und Farblichter entzündet. Nach nur kürzester Zeit auf dem Festival waren wir kaum noch wieder zu erkennen und viele der Menschen haben mich sogar für männlich gehalten :D Holi gehört zu den befreienden Umkehrritualen, bei denen gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen für eine kurze Zeit aufgelöst sind. Sozial Hochstehende mischen sich bei diesen, auch im europäischen Kulturraum verbreiteten Festen unter das einfache Volk, während die Bürger gelegentlich in einer symbolischen Aktion die Macht übernehmen. Solche legitimierte Grenzüberschreitungen verbinden Holi mit dem Karneval. Wir sind zwei Stunden mit der bunten Masse mitgeschwommen um anschließend völlig dreckig und hungrig unser Mittag, in einem der wenigen Restaurants, die überhaupt geöffnet hatten, zu essen. Alle anderen Geschäfte waren Fest verriegelt um nicht den feinen Farbenstaub im gesamten Geschäft zu haben. Nur wenige Stunden später war die Stadt wie ausgestorben, das Festival war vorbei, die Musik war aus, alle versuchten zu Hause ihre Farben auszuwaschen und ruhten sich aus. Nur einen Vormittag im Jahr kann man dieses ausgelassene bunte Spektakel im ganzen Land erleben und wir durften dabei sein :)

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