Montag, 1. April 2019
Jaipur
Nur noch 10 km und dann haben wir es für heute geschafft. Doch diese letzten Kilometer führten uns durch die Stadt Jaipur. Wir hatten bereits etwa 80 km Gegenwind hinter uns und wollten nur noch ankommen. Am Himmel zogen langsam dunkle Wolken auf und der Wind nahm an Geschwindigkeit zu. Staubwolken flogen uns um die Ohren. Apropos Ohren. Die hupenden Autos waren heute besonders laut. Jedes Mal wenn ein Vehikel direkt neben uns auf seine Hupe drückte, zuckte ich zusammen und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Arne machte es nichts aus, aber ich musste mir Oropax in die Ohren stecken um nicht durchzudrehen. Schon viel besser. Nun drang nur noch halb so viel zu mir durch und ich konnte mich auf den Verkehr konzentrieren. Je weiter wir in die Stadt vor drangen, desto voller und schmaler wurden die Straßen. Am Straßenrand wurden die Kornfelder von Müllhaufen und stehenden Abwassern abgelöst und der beißende Geruch von Aß, Chemikalien und Müll, stieg uns in die Nase. Noch weiter in der Stadt wurden die Abfälle von Ständen, Geschäften, Werkstädten und Restaurants abgelöst. Alles war voll mit parkenden Fahrzeugen, laufenden Passanten und arbeitenden Menschen, die ihren Arbeitsplatz auf die Straße verlegt hatten, da ihre Werkstatt zu klein und zu voll gestopft ist. Wir wichen immer wieder irgendwelchen Hindernissen aus und schauten abwechselnd skeptisch zum Himmel. Dicke Wolken schoben sich vor die Sonne und ich fragte Arne, wie weit es noch ist. Doch es war zu weit um vor dem ersten Regentropfen die Wohnung zu erreichen, die für die nächsten Tag unser Zuhause sein sollte. Noch eine starke Windböhe und dann war es so weit. Hektisch liefen die Menschen umher und räumten die Sachen ein. Schnell wurden noch irgendwelche Planen über die Obststände geworfen und dann war auch schon alles nass. Wir wurden seit Monaten das erste Mal wieder nass. Und dann aber auch so richtig. Alle Verkehrsteilnehmer flüchteten unter irgendwelche Vorsprünge und Baumkronen, um das Schlimmste abzuwarten. Wir nutzten die Gelegenheit um schnell voran zu kommen. Vor uns rutschte ein Motorradfahrer aus und landete flach auf der Straße, die Scheibenwischer der Autos hinterließen einen schmierigen Film auf der Scheibe, der Regen füllte die Straßenlöcher mit Wasser, sodass man sie nicht mehr einsehen konnte und die Sicht war durch die Wasserbindfäden des Gewitters auf einige Meter eingeschränkt. Geschwind und wendig bewegten wir uns durch dieses Chaos und erreichten die Wohnung. Draußen hatte es aufgehört zu regnen. Dafür aber hatten wir nun den Regen in unserer Wohnung. Alle, und ich übertreibe nicht wenn ich alle sage, Wasserhähne in den zwei Bändern die wir hatten tropften. Es waren insgesamt fünf Hähne, die unterschiedlich stark tropften. Von einem leichten Sekundentropfen bis hin zu einem durchgehenden Rinnen. Aber daran gewöhnten wir uns schnell. Natürlich war die Wohnung mal wieder von dem Freund von einem Freund. Dieser Freund war Mitglied einer Rennradgruppe und lud uns daher zu einer der morgendlichen Sportrunden ein. Pünktlich wie wir sind waren wir um 7:30 Uhr am Treffpunkt. Noch war weit und breit kein Radrennfahrer zu sehen, also saßen wir auf einer Bank und warteten. Und warteten. Und warteten. Jedes Mal wenn ein Fahrradfahrer an uns vorbei fuhr schauten wir gespannt auf, doch keiner dieser Radfahrer hielt an. Da kam dann, 40 Minuten zu spät, der Freund, der uns einlud. Es stellte sich heraus, dass alle anderen Radfahrer schon wieder zuhause waren, da sie bereits um 5.30 Uhr ihre Runde gefahren sind. Also sind wir zu dritt ein wenig durch die Stadt gefahren und haben uns einige der Sehenswürdigkeiten angeschaut.
Als wir gerade schwungvoll auf eine Kreuzung zu fuhren, stoppte der Verkehr vor uns abrupt und wir hätten beinahe einen Auffahrunfall verursacht. Natürlich hatten wir auch die rote Ampel vor uns gesehen, haben uns aber nichts dabei gedacht, sondern sind so wie sonst auch immer einfach weiter gefahren. Wir haben aufgehört eine grüne Ampel von einer roten Ampel zu unterscheiden, nachdem wir einige Male verzweifelt vor einer Ampel standen und uns das Chaos anschauten. Doch in Jaipur war es anders. Hier stoppten die Menschen für rote Ampeln und und warteten bis es grün wurde. Natürlich warteten sie nicht vor dem Haltestreifen, sondern deutlich dahinter, sodass die kreuzenden Autos einen kleinen Bogen fahren mussten. Doch sie stoppten und das war anders als sonst. Andere Städte, andere Sitten. Doch was war denn jetzt richtig? In der darauf folgenden Stadt wurden wieder alle roten Ampeln überfahren. Die Inder nennen es Freiheit.
Erneut stoppte der Freund vor uns, doch diesmal nicht wegen einer Ampel, sondern um uns zu fragen, ob wir nicht etwas frühstücken wollten. Wir sind zwar erst fünf Kilometer gerollt, doch warum nicht. Frühstück ist immer gut. Also fuhren wir nach einem kurzen Telefonat zu einem anderen Freund. Die Fahrräder stellten wir unten im überwachten Innenhof ab und fuhren mit einem von Musik erfüllten Fahrstuhl in den achten Stock. Die Tür der Wohnung stand bereits offen und wir wurden freundlich von einem älteren Herr und seiner Ehefrau empfangen. Die Penthouse-Wohnung war ein Geschenk von dem Mann an seine Frau. Dazu gehören vier Balkone, die zu allen Richtungen ausgerichtet sind, fünf Zimmer für alle Situationen, eine große Küche, drei Angestellte und eine Sonnenterrasse. Wir beide standen mit unseren dreckigen Radklamotten etwas planlos und verloren in der Gegend herum. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir in so eine Wohnung hineinstolpern würden. Da waren wir nun mal, genossen den uneingeschränkten Ausblick auf die gesamte Stadt, aßen das frisch zubereitete Frühstück, tranken Tee aus Porzellantassen, aßen silberüberzogene Pralinen und quatschten mit unserem Gastgeber. Nur wenige Stunden später fuhren wir durch enge, matschige Gassen, wo wir immer wieder dicken Sauen und toten Ferkeln ausweichen mussten. Der beißende Geruch von allem nur erdenklichen stieg uns unaufhörlich in die Nase und weit und breit war kein, in der doch sehr touristischen Stadt, Tourist zu sehen. Auch von der sonst eher sauberen Stadt, war hier nichts zu sehen. Wir waren in nur wenigen Stunden und innerhalb weniger Kilometer in zwei komplett unterschiedlichen Welt gewesen.
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