Freitag, 30. November 2018

Religiöse Überraschung

Normalerweise kann man über “warmshowers“ oder “Couchsurfing“ ganz gut an der Anzahl der Gastgeber, die Größe der Stadt einschätzen. In der Stadt, die wir heute anpeilten waren nicht viele Gastgeber zu finden und so stellten wir uns auf eine kleinere Stadt ein. Beim Hineinfahren in die Stadt brauchte es erstaunlich lange bis wir das Zentrum erreichten. Dazu kam noch, dass eine Straße gesperrt war und wir einen Umweg fahren mussten. Dann standen wir vor einem Eingang zu einer Art Fußgängerzone wo wir nicht durchgelassen wurden. Und schon wieder mussten wir einen Umweg fahren. Wir fuhren den Weg der uns von einem Polizisten empfohlen wurde, doch diese führte in eine Sackgasse. Also alles wieder zurück zu dem Ausgangspunkt wo sie uns auch dieses Mal nicht durch ließen. Also versuchten wir unser Glück mit einem noch größeren Umweg. Das kann doch nicht sein, dass wir nicht zu dem Shop von unserem Gastgeber kommen. Wir fuhren an vielen religiösen Gebäuden vorbei und fragten uns was dass hier wohl alles ist. Dann standen wir endlich an einem Eingang zur Fußgängerzone wo uns diesmal keiner weg schickte, doch am Boden standen Poller, die so dicht beieinander standen, dass wir mit unseren Fahrrädern nicht durchkamen. Das ist nicht euer Ernst, dachte ich und da kam gerade im richtigen Moment einer mit einem Schlüssel für das Tor, der uns rein ließ. Der Shop unseres Gastgebers war im Untergeschoss einer riesen Mall. Dort tranken wir dann erstmal zwischen den ganzen Uhren, Modellautos, Gürteln und Portmonees einen Tee. Ich hatte mein Tuch, da es ziemlich warm war, so gebunden, dass man etwas meinen Hals sehen konnte. Unsere Gastgeber bat mich dann mich etwas mehr zu verhüllen und erklärte uns dann auch warum: Im 10. Jahrhundert stieg die 712 oder 713 (der Kalender ist hier anders) von Arabern aus Kufa wiederbesiedelte Stadt Ghom (Qom) zu einem der wichtigsten Zentren schiitischer Gelehrsamkeit auf. Im Jahre 817 verstarb hier Fatima Masuma, die Schwester des achten Imams, und wurde in einem prachtvollen Schrein bestattet. Der Schrein der Fatima Masuma, ist heute ein bedeutender Wallfahrtsort und dominiert mit seiner goldenen Kuppel das Stadtbild. Durch diese Geschichte kommt es dazu, dass sich an diesem Ort die religiösen Menschen tummeln und es nicht gerne gesehen wird wenn man etwas Haut von der Frau sieht. Wir besichtigten den Schrein der Fatima Masuma und da wir Touristen aus dem Ausland waren bekamen wir einen Guide. Dieser arbeitet zwei Mal in der Woche ehrenamtlich dort und möchte die Menschen Willkommen heißen und ihnen den Komplex mit seiner Geschichte etwas näher bringen. Wir haben uns sehr gut verstanden und da er ein Jahr in Deutschland an der Universität war, konnte er sogar etwas Deutsch. Er zeigte uns über die öffentlich zugänglichen Sehenswürdigkeiten auch noch den Raum, der damals für den König gestaltet wurde und gab uns etwas zu trinken. Bevor wir jedoch überhaupt das Gelände (Komplex) betreten durften mussten wir, wie alle anderen auch, durch eine Kontrolle. Dort wurden wir zwar nicht kontrolliert, sondern nur durchgewunken, aber ich bekam zusätzlich noch ein Gewand welches von meinem Kopf bis zu meinen Füßen reichte. Ich sah aus als hätte ich einen Schlafanzug an und etwas zu klein war es auch noch. Der gesamte Stoff war weiß, blau, braun geblümt. Alle anderen trugen schwarz, sodass ich aus dieser dunklen Masse herausstach wie eine Litfasssäule :D Um nun zum Schlafen zu unserem Gastgeber nach Hause zu kommen mussten wir ein Taxi nehmen. Das Auto stand direkt vor uns auf der Straße. Ich stieg hinten auf der rechten Seite ein, sodass Arne auf der linken Seite und unser Gastgeber vorne einsteigen konnte. Und dann wollte noch jemand mitfahren und da nur noch in der Mitte ein Platz frei war, bot ich mich an durchzurutschen. Unser Gastgeber sagte jedoch mit Nachdruck, dass Arne in die Mitte durchrutschen sollte und so quetschte sich Arne in die Mitte und wir schauten uns verwirrt und belustigt an. In dem Moment löste unser Gastgeber auch schon unsere fragenden Blicke auf und erklärte uns, dass es im Islam nicht üblich ist als Mann neben einer Frau zu sitzen. Wir stolpern über viele solche Kleinigkeiten, durch die wir das Leben hier immer mehr kennen lernen.

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