Sonntag, 16. Juni 2019
Ein Tag am Tempel
Überall von dem Highway nach Kathmandu aus konnte man kleine und große Tempelanlagen sehen. Mal war es ein hinduistischer und mal ein buddhistischer Tempel. Manche hatten wunderschöne Wiesen drum herum und andere waren mit Schotter umgeben. Wir haben nie wirklich für einen Tempel angehalten, irgendwie hatten wir in Indien schon so viele gesehen, dass wir das Gefühl hatten schon alles zu kennen. Bei jeder Familie wurden wir mindestens zu einem Tempel geschleppt. Wir haben uns hinduistische Prozeduren angeschaut und den ganzen Rauch der Räucherstäbchen eingeatmet. Hin und wieder wurden wir selber Teil der Rituale. Uns wurden Punkte auf die Stirn gemalt, wir bekamen Bänder um die Handgelenke gebunden und wir haben Wasser über die Götter (Statuen) gekippt, wir haben Bananen als Geschenk Gottes erhalten und es wurden uns Blumenblätter zwischen die Haare gesteckt. Bei meinen kurzen Haaren haben die Blätter allerdings nicht lange gehalten. Wir haben zu bestimmten Feiertagen bestimmtes Essen gegessen und wir haben große und kleine Glocken geläutet. Wir haben gefühlte hundert verschiedene Götter betrachtet und haben uns immer wieder die kleinen Tempel, die die Menschen in ihren Häusern haben, angeschaut. Dabei haben wir nie vergessen unsere Schuhe auszuziehen und sind immer still und respektvoll unseren Gastgebern gefolgt. Solange, bis wir gemerkt haben, dass der Tempel kein Ort des Schweigens ist, sondern ein Ort, wo gelebt wird. Die Menschen schlagen gegen die Glocken, wenn sie den Tempel betreten, sie blasen in ein Horn, bevor sie sich dem Gott widmen, sie reden laut vor sich hin, streuen Blumen, Reis und Wasser um sich und singen gemeinsam im Kreis und trommeln dazu. Der Lautsprecher ist immer auf volle Lautstärke gedreht, sodass auch wirklich alle teilhaben können. Also auch wir, als wir morgens um fünf lieber noch etwas länger geschlafen hätten. Es kam so: Wir hatten unsere Kilometernzahl für den Tag erreicht, hatten uns mit Wasser, Bananen, Haferflocken und Instantnudeln eingedeckt und waren auf der Suche nach einem Zeltplatz. Und da tauchte zu unserer Linken plötzlich eine große Tempelanlage auf, die ihre Tore weit geöffnet hatte. Es war wie ein Geschenk für uns und uns war beiden klar, dass wir die Nacht dort verbringen würden. Es war einfach perfekt. Der Baba (in Hindi ist es die Anrede für einen Mönch) hieß uns willkommen und zeigte uns Schlafplatz, Wasser und Toilette. Er selbst lebte hier und pflegte die Anlage. Der Ort war ruhig, abseits vom Ort auf einem Hügel gelegen und zu dieser Zeit kaum besucht. Aber nur so lange, bis drei Reisebusse vor den Toren hielten und tausende Menschen auf die Anlage strömten. Die Glocken vor den Tempeln, erklangen pausenlos, Picknickdecken wurden ausgebreitet und Kochutensilien ausgepackt. Wir erfuhren, dass es sich um eine große Reisegruppe aus Indien handelt, die für drei Wochen mit dem Bus durch Indien und Nepal fährt, um alle bedeutenden Tempel zu besichtigen. Gegessen wurde trockener Reis und dazu gab es natürlich noch einen viel zu süßen Tee. Nachdem jeder gegessen und seinen Teller wieder abgewaschen hatte, Besteck benutzen sie ja nicht, ging es weiter nach Kathmandu. Geschlafen wurde im Bus auf schmalen Liegen und Pausen gab es nur zum Essen, Tee trinken und Tempel besichtigen. Wir waren froh als sie wieder abgezogen waren und wir den Platz wieder für uns alleine hatten. Die Nacht war so warm, dass wir im Freien unter unserem Mückennetz schlafen konnten. Doch irgendwie hat uns unser Zelt, unser kleines Haus, gefehlt und die nächste Nacht haben wir wieder im Zelt verbracht. Ansonsten war die Nacht sehr ruhig, bis morgens um fünf Uhr der Baba seine Lautsprecher aufdrehte und ein besprochenes Tonband abspielte. Es war eher ein Sprechgesang, der hin und wieder von einer eintönigen Musikeinlage unterbrochen wurde. Wir waren also hell wach und hörten uns dreißig Minuten lang diesen “Gesang“ an. Währenddessen ging der Baba von Statue zu Tempel zu Göttern und Kühen, putzte die Plätze und verteilte Räucherstäbchen. Er öffnete die Tore, sodass die ersten Menschen hereinkommen konnten. Zuerst waren es nicht viele, aber im Laufe des Tages kam einiges zusammen. Während wir unser Frühstücksbrei kochten, sprach der Baba schon mit den ersten Leuten. Er wird den ganzen Tag kein Essen anrühren und erst spät abends etwas essen. Die Leute mit denen er sprach kamen alle mit einem Anliegen zu ihm. Es waren ganz unterschiedliche Gründe. Krankheit, Entscheidungsfindung, Schmerzen, Familienangelegenheiten usw. Der Baba gab ihnen etwas von seinen selbst hergestellten Heilmitteln, sprach einfach nur mit ihnen oder segnete sie. Doch ich muss sagen, dass wir nie so richtig heraus bekommen haben, was wirklich vor sich ging. Zur Mittagszeit kam wieder eine dieser Tempel-Reisegruppen vorbei, die zum Essen den Platz belagerten und nach dem Abwasch wieder verschwanden. Den Baba haben wir den ganzen Tag nicht richtig gesehen, da immer wieder Menschen mit ihren Anliegen zu ihm kamen. Er nimmt kein Geld für seine Dienste und lebt ganz von den Spenden der Menschen. In den hinduistischen Tempeln wird nicht nur Geld als Gabe überbracht (gespendet), sondern auch Bananen, Reis und Süßigkeiten. Am Ende des Tages bekamen auch wir etwas von den Bananen ab, die in den Tempeln als Geschenk Gottes an die Menschen überreicht werden. Ja richtig, erst schenken die Menschen den Göttern Bananen und dann bekommen sie wieder welche zurückgeschenkt. Und dafür zahlt man meistens auch noch ein bisschen. Für uns war es sehr interessant mitzubekommen was für ein Treiben an solchem Tempel stattfindet und wie viele Menschen in ihrem täglichen Tagesablauf zum Tempel gehen. Mit nur einmal am Sonntag in die Kirche gehen ist es hier nicht getan. Doch wo die Menschen einmal am Sonntag in die Kirche gehen, erzähle ich Euch in dem Bericht über Kohima/Nagaland.
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