Sonntag, 2. Juni 2019

Kastensystem

Die Herausbildung des indischen Kastensystems fand nach gängiger Einschätzung im 2. Jahrtausend v. Chr. statt. Nach der indischen Verfassung von 1950 darf kein Inder mehr wegen seiner Kaste diskriminiert werden, doch die Kastenzugehörigkeit hat bis heute in Indien kulturelle und soziale Auswirkungen auf viele Lebensbereiche. In eine Kaste hineingeboren zu werden bedeuten im hinduistischen Sinne sein ganzes Leben an diese Kaste gebunden zu sein und von ihr geprägt zu werden. Welche Bedeutungen und Auswirkungen es noch heute auf die Partnerwahl, Wohnsituation, gemeinsame Mahlzeiten und Aktivitäten hat versuche ich Euch hier etwas näher darzustellen. Wir selber haben es oft am eigenen Leib erfahren und miterlebt, sowie auch aus Erzählungen geschildert bekommen. Noch kurz vorweg: Die Zuordnung einer Person zu einer Kaste sagt wenig über ihren Wohlstand aus. Es handelt sich weitgehend um eine Einteilung nach ritueller Reinheit und dem Aufgabenbereich, nicht jedoch um „Oberschicht“ oder „Unterschicht“, die sich nach finanziellen Kriterien richtet. Durch jahrhundertelange Ausbeutung findet sich Armut jedoch tendenziell mehr bei der “Unterschicht“ obwohl auch Angehörige der obersten Kaste, wirtschaftlich sehr schlecht gestellt sein können. So konnten wir oft schon an den Räumlichkeiten und der Wohnsituation erkennen, aus welcher Kaste die Familie abstammt. Dazu kommt der Besitz oder Nicht-Besitz von Autos und Angestellten. So wurden wir zwei Mal zum Frühstück eingeladen. Das eine Mal in ein einfaches Bauernhaus, wo es Tee mit Weizenfladen und grünem Chutney gab, was wir draußen im Freien auf einer Liege sitzend eingenommen haben. Die Fladen wurden vom eigenen Weizen gemahlen und über dem Feuer gebacken und das Chutney wurde aus Kräutern, die im Garten wuchsen, auf einem Stein zermahlen. Das andere Mal, nur einige Kilometer weiter, wurden wir in eine Penthousewohnung eingeladen. Dort wohnte das Ehepaar alleine, doch sie hatten gleich drei Angestellte, die uns ein mehrgängiges Frühstück auf den in Leinentücher eingedeckten Tisch zauberten. Ein anderes Mal waren wir bei einer Familie aus einer der obersten Kaste zu Besuch und der Sohn ist mit uns zum Essen gefahren, hat uns seine Stadt gezeigt und hat mit uns einen Ausflug zu den umliegenden Ortschaften unternommen. Er war unser Alter, hatte eine verheiratete Schwester, die bei ihrem Ehemann wohnte und er selbst lebte mit seinen Eltern in einem großen Haus. Bevor wir in sein Auto stiegen entschuldigte er sich dafür, dass das Auto nicht gewaschen ist und erklärte, dass die Haushaltshilfe verhindert war es noch rechtzeitig vor unserer Ankunft zu putzen. Auf dem Weg zum Restaurant haben wir noch einen seiner “Freunde“ eingesammelt, der kaum englisch sprach und eigentlich auch nur der Bruder von dem richtigen Freund war, der aber nicht konnte. Er zeigte uns den Weg, er aß mit uns und bestellte für uns das Essen und er stieg auf dem Rückweg aus dem Auto, um Pan (Munderfrischer) für uns zu besorgen. Am nächsten Tag sind wir mit dem Auto erneut los gefahren und als erstes haben wir wieder einen “Freund“ eingeladen, diesmal einen anderen, da der von gestern Abend keine Zeit hatte. Als erstes sind wir dann zu der sich im Aufbau befindenen Fabrik unseres Gastgebers gefahren und haben dort das Auto von einem der Arbeiter waschen lassen. Der “Freund“ musste uns, während wir warteten, mit Wasser und Tee versorgen. Als wir anschließend zu einem See gelaufen sind musste er den Rucksack tragen und als wir noch ein Kuchen essen wollten musste er aussteigen und in Erwähnung bringen ob es eine Klimaanlage in den Räumlichkeiten des Cafés gibt. Erst dann hat sich unser Gastgeber bequemt selbst auszusteigen. Wir haben ihn gefragt, was das mit seinen “Freunden“ auf sich hat und da sagte er uns: “Ich brauche einen, der für mich läuft und aus dem Auto steigt, wenn etwas gebraucht wird“. Lachend meinte er noch er sei Faul, doch die Wahrheit ist, wenn er bei einem Freund im Auto sitzt, der einen höheren Stand hat als er, ist er derjenige, der laufen muss. So geht die Leiter von oben herab. Und wir haben noch viele weitere Male miterlebt, dass Menschen aus einer unteren Kaste für Menschen aus einer höherem Stand Erledigung verübten. Die Auslegungen der Gesellschaftsordnung mit ihren Kriterien innerhalb des Kastensystems werden regional unterschiedlich gehandhabt und auch unterschiedlich ausgelebt. In Großstädten ist es beispielsweise weniger Thema als auf dem Land. So gibt es auf dem Land häufiger arrangierte Hochzeiten als in der Stadt. Einmal spielt die Tradition und die Dringlichkeit eine große Bedeutung, warum die Eltern sich zu einer arrangierten Hochzeiten entscheiden und dann gibt es noch den religiösen Grund, warum die Eltern auf eine arrangierte Hochzeit bestehen. Die Tradition besagt, dass die Tochter nach der Heirat bei der Familie des Ehemannes lebt und dort für sie gesorgt wird. Der Sohn allerdings bleibt nach der Vermählung im Elternhaus und sorgt sich da mit seiner Frau zusammen um die Eltern. Daher auch die Dringlichkeit einer Vermählung des Sohnes, da die Eltern im Alter nicht nur körperliche Hilfe benötigen, sondern auch finanzielle Unterstützung. Es lässt sich ganz gut heraus hören, wie wichtig es ist einen Sohn zu gebären, um seinen Ruhestand zu sichern. Wenn wir die Eltern fragen wie viele Kinder sie haben, spielen die Töchter oft gar keine Rolle und sie werden erst auf unsere Nachfrage hin erwähnt. Einige Familien haben drei ältere Mädchen und einen jüngsten Sohn. Andere Familien haben nur einen Sohn, woran man auch eventuell erkennen kann, dass so lange gewartet wird bis ein Sohn zur Welt kommt, der den Ruhestand sichert. So sieht man die Tradition und Dringlichkeit der (arrangierten) Hochzeiten. Arrangierte Hochzeiten aus religiösen Gründen heraus gehen oft nur von den Eltern aus, denn so wie auf der Hochzeit der wir beigewohnt haben, weiß die jüngere Generation meist nicht über die ganzen Rituale bescheid und folgt nur den Anweisungen der Eltern. Wie ich schon in einem der älteren Einträge geschildert habe, werden die arrangierten Hochzeiten nur innerhalb der eigenen Kaste vollzogen, um die Familie nicht zu “entehren“. Arrangierte Hochzeiten aus religiösen Gründen gibt es überall, doch auf dem Land gibt es vermehrt arrangierte Hochzeit, da die Menschen es aus einer langen Tradition heraus machen und die Dringlichkeit höher ist als in den Großstädten, wo die finanzielle Absicherung oft einfacher ist als auf dem Land. Wir haben einen Freund, der ein Mädchen aus einer anderen Kaste liebt und die beiden sind auch schon seit vier Jahren ein Paar. Doch nur im Verborgenen. Keiner der Eltern weiss etwas davon und sie treffen sich immer heimlich und unter falschen Vorwänden. Sie, die Freundin, studiert noch für zwei Jahre und ist sehr froh über die Zeit die ihnen noch bleibt, bevor sie verheiratet wird. Diese Liebe wird wahrscheinlich keine Zukunft haben, da die Familien der Verbindung nicht zustimmen werden. Ja, die Eltern haben einen großen Einfluss und keiner lehnt sich seinen Eltern gegenüber auf, geschweige denn verlässt sie. Familie ist das Wichtigste. Wir haben auch schon Eltern getroffen, die es ihren Kindern selbst überlassen haben, ob, wen und wann sie heiraten wollen, aber wie schon erwähnt, ist das meist in den größeren Städten und hängt oft mit der damit einhergehenden Bildung zusammen, zu der die Menschen in der Stadt einen besseren Zugang haben als auf dem Land. Wenn wir bei unseren Gastgebern oder bei einem Teeshop ankommen wird uns als erstes ein Stuhl angeboten. Manchmal müssen andere dafür stehen oder auf dem Boden hocken. Auch wenn wir das nicht wollen und liebevoll den Stuhl ablehnen, werden wir schon fast gezwungen uns zu setzen. Bei einer unserer Gastfamilien habe ich mich einmal in die Hocke gesetzt, um auf dem Sofatisch kurz meine Notizen zu schreiben. Da kam der älteste Sohn (27 Jahre) und bot mir an dass ich mich doch auch auf den Stuhl setzen könnte. Ich erwiderte ein “Nein danke, ich bin sowieso fast fertig“ und da zwang er mich fast auf den Stuhl und erklärte mir später: “nur die Menschen aus den unteren Kasten sitzen auf dem Boden“. Mir ist der Mund offen stehen geblieben, doch er meinte es völlig ernst. Früher waren grundsätzlich keine gemeinsamen Mahlzeiten erlaubt, da Hochkastige das gemeinsame Mahl mit Niedrigkastigen als verunreinigend empfanden. Heute ist die traditionelle Trennung zwischen den einzelnen Gesellschaftsgruppen auch in diesem Bereich großteils aufgehoben. In ländlichen Gegenden jedoch sind die alten Strukturen oft noch fester verankert. So waren wir für ein paar Tage bei einem Freund, der ursprünglich aus einer Großstadt kommt, aber seit ein paar Jahren auf dem Land wohnt. Er lebt dort mit vielen Nachbarn, die nicht alle aus einer gleichgestellten Kaste kommen, doch für ihn spielt es keine Rolle und er lehnt das Kastendenken völlig ab. Er isst mit all seinen Nachbarn, er gibt ihnen Arbeit, er lässt sie für sich kochen und er gibt ihnen einen Stuhl zum sitzen. Für die meisten aus einer unteren Kaste ist es ungewohnt, dass sie neben ihm auf einem Stuhl sitzen dürfen und es ist oft ein Kampf, bis er es schafft, dass sie den Stuhl wirklich annehmen und nicht auf dem Boden hocken bleiben. Er behandelt alle gleich und macht keine gesellschaftlichen Unterschiede. Seine Freunde aus dem Dorf jedoch, die auch aus höheren Kasten stammen, haben den Kontakt zu ihm abgebrochen, da sie der Meinung sind, dass er verunreinigt ist, da er mit den Menschen aus einer unteren Kaste speist und er es zulässt, dass sie sein Essen kochen und anfassen. Ist das vorstellbar?

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