Samstag, 13. Juli 2019

140 km

Von Kohima aus ging es für uns nach Imphal. Es waren 140 km und somit planten wir dafür zwei Tage ein. Kurzfristig fragten wir einen Tag vor unserer Abreise bei einem Warmshower Gastgeber in Imphal an, ob wir in zwei Tagen vorbei kommen könnten. Dieser antwortet sofort und schrieb am Ende: “Dann bis morgen!“. Warum morgen fragten wir uns, wir hatten ihm doch geschrieben, dass wir zwei Tage brauchen. Er meinte daraufhin nur: “Das schafft man auch an einem Tag, es geht fast nur Berg ab“. Wollen wir die Herausforderung annehmen? Erstmal haben wir das Höhenprofiel gecheckt, und da sah es ganz und gar nicht so aus, als ob es nur Berg ab ging. Also sind wir am nächsten Morgen erstmal ganz entspannt nach dem Frühstück losgefahren. Und natürlich ging es nicht nur Berg ab, sondern erstmal 35 km Berg auf. Den Vormittag haben wir also damit verbracht Berg auf zu fahren. Dann wurde die Straße so schlecht, dass ich das Rad fast in die Ecke geschmissen hätte (ich hasse es auf schlechten Straßen Berg ab zu fahren). Daraufhin haben wir in einem der vielen “Reis Hotels“ erstmal Reis gegessen. Wir haben nach einem Gästehaus Ausschau gehalten und erstmal noch eine Pause bei einer Aussichtsplattform eingelegt. Wir hatten erst 50 km geschafft, doch da wurde auf einmal die Straße ganz unerwartet richtig gut. Und natürlich hatten wir beide von Anfang an den Ehrgeiz die Strecke an einem Tag zu schaffen, haben es aber jeweils beide nicht dem anderen gesagt. Und als die Straße perfekt wurde und es nun wirklich sehr lange Berg ab gehen sollte, war klar, dass wir die Herausforderung annehmen. Wir traten also noch mal so richtig in die Pedalen um die 90 km am Nachmittag noch zu schaffen. Natürlich konnte nicht alles perfekt laufen. Das wäre auch zu schön gewesen und so richtig Glück mit dem Wind, Wetter und der Straße haben wir eh sehr selten. Irgendetwas steht immer gegen uns. Heute war es der Regen. Es fing am späten Nachmittag heftig an zu regnen. Wir durften aber keine Zeit verlieren und so zogen wir uns also unsere Regenjacken über und fuhren geradewegs gegen die Regenwand. Immer wieder mussten wir reißende Flüsse überqueren, die über die Straße flossen, da dass Wasser aus den Bergen nirgendwo anders abfließen konnte. Vor uns war plötzlich ein riesiges Chaos auf der Straße, große und kleine Dinge lagen auf der Straße verteilt, Menschen zogen und zerrten an irgendwelchen Dingen und andere fegten etwas von der Straße. Je näher wir kamen, desto besser konnten wir erkennen, was sie dort machten. Es war ein Graben, den die Bewohner die letzten Wochen mit ihrem Müll vollgestopft hatten, der nun verstopft war und überlief. Der gesamte Müll floss nun über die Straße und verteilte sich großflächig, die Menschen standen knietief im Müll und versuchten den Graben wieder frei zu bekommen, damit das Wasser über den Graben ablaufen konnte. Im nächsten Dorf wurde eine ganze Hütte mitgerissen und schwamm in Einzelteilen auf der Straße. Aber das alles war nur ein normaler Regen in der Regenzeit und daran muss man sich halt gewöhnen. Einen leichten Sommerregen kennen die hier nicht. BUUUM. Wir sind beide gleichzeitig zusammen gezuckt und haben uns umgeschaut wo der Knall herkam. Ich bin sofort stehen geblieben, da sich mein Fahrrad komisch anfühlte und als ich auf meinen Reifen schaute war da keine Luft mehr drin. Mein Mantel war geplatzt. Im strömenden Regen habe ich nun mein Rad unter das nächste Garagendach geschoben und angefangen meinen Schlauch und Mantel auszutauschen. Prompt in diesem Moment kam der Besitzer nach Hause und wollte gerne mit seinem Auto unter das Garagendach. Er konnte netterweise aber etwas warten und bot uns sogar noch Wasser an. Der Regen hatte inzwischen etwas aufgehört, aber dafür fing die Sonne an unter zu gehen. Für uns gab es jedoch kein zurück mehr und so knipsten wir unsere Lampen an und strampelten weiter. Auch die Straße wurde wieder etwas schlechter und so mussten wir immer wieder durch die riesigen Pfützen hindurch fahren. Wir konnten sie oft erst sehr spät sehen, da es ja dunkel wurde. Slalom fahren war also nicht richtig möglich. Die Tiefe der Pfützen konnte man auch nicht einsehen und ob dort Steine drin liegen erst recht nicht. Es war einfach nur Augen zu und durch und hoffen. So wurden doch hin und wieder die Füße nass und der Reifen rutschte weg und man drohte umzukippen. Wenn das alles gewesen wäre okay, aber da waren noch die Autos die uns entgegen kamen. Sie spritzten uns von oben bis unten mit dreckigem, sandigem Pfützenwasser voll und es sammelte sich nach und nach eine Sandschicht im Gesicht. Dann waren da noch die Motorräder mit einem Matschauge, die man erst spät erkannte und am schlimmsten waren die Trecker und Bagger, die ohne jedes Licht fuhren und über die gesamte Straße pflügten. Ich hätte genauso gut die Augen zu machen und blind fahren können. Gott sei Dank, kam dann ein beleuchteter Straßenabschnitt, der gut befahrbar war und uns die letzten Zehn Kilometer bis zu unserem Gastgeber bringen sollte. Tssss.. Natürlich sollte es nicht so einfach sein. Tssss.. Ich hielt an, schaute auf meinen Reifen und fluchte leise. Noch einen Platten. Diesmal war kein Garagendach in der Nähe, dass uns Schutz vor dem erneuten Regen geben konnte. Es war weit und breit nichts. Nur Dunkelheit und Nässe. Und ein kleiner Pflanzenladen, der schon geschlossen hatte. Aber wir hatten keine andere Wahl als dort unser Glück zu versuchen und tatsächlich fanden wir dort einen kleinen Übergang, der zwar die Hälfte des Regens hindurch ließ, aber immer noch besser war als nichts. Die Besitzer wohnten selbst auch in dem Laden und ließen uns eintreten, gaben uns Stühle und einen heißen Tee. Das tat gut. In der Ecke knisterte ein Feuer und draußen prasselte der Regen. Ich zog den Nagel, den ich mir eingefangen hatte aus dem Reifen und montierte den Reifen mit dem neuen Schlauch. Vom heißen Tee gewärmt und vom Zucker im Tee gestärkt konnten wir nun erneut die letzten Zehn Kilometer antreten. Wir haben uns nur noch einmal kurz Verfahren, sind beinahe in eine rasante Autoverfolgung geraten und wurden von einem Hund angegriffen. Zwei Moped Fahrer hatten es aber mitbekommen und haben direkt den Hund mit ihrem Moped abgeblockt und eine ältere Dame kam mit ihrem Stock gelaufen, um den Hund zu verscheuchen. Danke. Jetzt mussten wir nur noch unseren Gastgeber finden. Natürlich sind wir prompt an seinem Haus vorbei geradelt und mussten noch einmal zurück fahren. Am Ende des Tages lagen wir sehr glücklich, warm geduscht und voll gegessen unter dem Mückennetz in einem eigenen Zimmer und wünschten uns eine gute Nacht.

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