Freitag, 5. Juli 2019

Bundesstaat Assam

Assam liegt im Nordosten Indiens und gehört zu den sogenannten sieben Schwesterstaaten, die nur durch einen schmalen Korridor mit dem Rest des Landes verbunden sind. Die Amtssprache ist Assamesisch und so klangen die Menschen mal wieder völlig anders als nur einige Kilometer zuvor. Ich weiß gar nicht wie viele verschiedene Sprachen wir in unserer Zeit in Indien schon gehört haben, aber selbst wenn wir hunderte verschiedene Sprachen gehört haben, kommt es noch lange nicht an die tausenden Sprachen heran, die es in Indien gibt. Der Großteil Assams gehört zu dem Flusstal des wasserreichsten Stromes in Asien. So ist die Gegend sehr feucht und es wird viel Reis angebaut. Die Reisfelder sind meist überflutet und so können dort neben den Reispflanzen auch kleine Fische leben. Die Menschen stehen Stunden lang knietief im Schlamm/Wasser und sieben die Fische aus dem Wasser, die sie dann anschließend verkaufen, erst trocknen und dann verkaufen oder selbst verzehren. Sie haben auch raffinierte Netz-Systeme mit denen sie die Fische aus den tieferen Gewässern angeln. Die Bevölkerungsdichte Assams ist sehr hoch, wobei sich ein großer Teil der Bevölkerung auf die ländlichen Gebiete konzentriert. Als wir durch die Assam-Gegend gefahren sind, waren überall Menschen, wirklich überall. Einer unserer Gastgeber hat mal gesagt: “Hinter jedem Baum versteckt sich ein Inder.“ Als wir auf schmalen Wegen durch die überfluteten Felder geradelt sind, konnten wir uns beim besten Willen nicht vorstellen, wo man dort leben konnte. Doch die Einheimischen wissen wie man dem Wasser entkommt und bauen ihr Haus auf Stelzen oder auf aufgeschütteten Inseln. Eine nicht unbeträchtliche Minderheit der Einwohner Assams gehört einer Reihe von indigenen Völkern (Stammesvölker) an. Außerdem lebt eine größere Zahl von Einwanderern (aus anderen Teilen Indiens und aus Bangladesch) in Assam. Vor allem die illegale Einwanderung von muslimischen Bengalen aus Bangladesh hat zu einem zunehmenden Maß an Fremdenfeindlichkeit unter der alteingesessenen Bevölkerung Assams geführt, die eine Überfremdung und schleichende Islamisierung Assams fürchten. Dieser Konflikt hat sich wiederholt in schweren Pogromen gegen muslimische Bengalen geäußert. Mit 34 Prozent hat Assam den vierthöchsten muslimischen Bevölkerungsanteil aller indischen Bundesstaaten. In mehreren Distrikten Assams stellen Muslime sogar die Bevölkerungsmehrheit dar. In einem dieser Distrikte, haben wir übernachtet, aber dazu weiter unten. Assam zählt zu den ärmsten und unterentwickeltsten Bundesstaaten in Indien. Gründe für die Unterentwicklung sind eine abgelegene Binnenlage, schlechte Infrastruktur sowie regelmäßige politische und soziale Unruhen. Wir haben von alle dem nicht viel mitbekommen, aber was uns aufgefallen ist, dass die Männer eine Takke (Gebetskappe) trugen und ordentliche weiße Gewänder. Es wirkte teilweise überhaupt nicht mehr indisch und wir haben kaum noch Saris und Bindis gesehen. Ein muslimischer Mann im weißen Gewand und mit weißer Gebetskappe ist mit seinem Motorrad langsam neben uns hergefahren und hat uns mit seinem Freund zusammen ausgefragt. Da es sehr nervig ist langsam nebeneinander herzufahren, haben uns die beiden auf eine Sprite eingeladen. Jetzt war es an uns Fragen zu stellen. Wie heißt ihr? Was seid ihr von Beruf? Wo fahrt ihr hin? Wo wohnt ihr? Wisst ihr wo wir hier in der Nähe einen Schlafplatz finden? Die Antworten kamen so wie wir es gehofft hatten. Sie waren ein Arabischlehrer und ein Soldat (hatten also Geld), sie waren auf dem Weg nach Hause (hatten also Zeit) und wohnten nur wenige Kilometer entfernt. Perfekt für uns zum Übernachten und als der Lehrer dann noch meinte, wir können bei ihm schlafen, war unser Plan, uns selbst einzuladen, aufgegangen ;) Wir freuten uns sehr endlich mal wieder bei einer muslimischen Familie unter zu kommen, da wir doch hin und wieder den Iran etwas vermissen. Wir einigten uns darauf, dass wir uns bei dem Basar in der Nähe ihres Hauses, in 30 Minuten treffen und gaben ihnen noch unsere Nummer. Der Weg war steinig und schwer, aber wir haben es bis zum Basar geschafft. Dort angekommen konnten wir uns noch nicht einmal richtig nach den beiden umsehen, da hatte sich schon eine riesige Menschentraube um uns herum gebildet. Ich übertreibe nicht wenn ich sage es waren etwa 50 Menschen. Kein Wunder, wenn sich noch nie ein Tourist in diesen Ort verirrt hat. Wie auch, wenn es nicht eine befestigte Straße zu diesem Ort gibt. Die Busse hupten und die Fahrer schrien aus dem Fenster, da wir die ganze Straße blockierten und sich nichts mehr bewegte. Alle Augen waren nur noch auf uns gerichtet. Von unseren beiden Gastgebern war weit und breit nichts zu sehen, also nahmen wir die Einladung, auf eine kalte Mandelmilch, an und setzten uns vor einen Shop. Langsam verloren wir die Hoffnung, dass uns die beiden auch wirklich hier abholen und so fingen wir die Leute an zu fragen, ob sie die beiden vielleicht kennen. Natürlich kamen wir damit nicht weiter, doch einer hat sich uns angenommen und wollte uns helfen. Er brachte uns raus aus dem Gedränge. Die ganzen Menschen kamen immer dichter und wir hatten kaum noch Luft zum atmen, und dann führte er uns zu seinem Onkel. Sein Onkel war Bürgermeister und machte gerade auf einer Bambusmatte auf dem Boden unter dem Ventilator seine Mittagspause. Fünf Minuten später saßen wir gemeinsam am Tisch, tranken Sprite und aßen Samosa, Pakora und Papad. Dass wir gar keinen Hunger hatten spielte keine Rolle. Gemeinsam versuchten wir nun unsere Gastgeber zu finden, doch auch hier kannte sie keiner. Also spielten wir unsere Plan-B-Karte und fragten ganz unbedarft, ob sie wüssten wo wir alternativ unter kommen könnten. Zwei Minuten später bot uns der Bürgermeister ein Zimmer bei sich im Haus an. Wir waren gerade dabei uns freudig zu bedanken, da klingelte das Handy von Arne. Und drei Mal dürft ihr raten, wer dran war? Es war einer unserer verschollenen Gastgeber. Also brachen wir die Zelte ab und fuhren zu der islamischen Familie. Dort erwarteten uns Vater, Mutter, vier Söhne, zwei Frauen, zwei Kleinkinder und zwei Babys. Der Vater saß im Stuhl und rauchte, die Mutter machte alles sauber, die Frauen schaukelten die Babys, die Kleinkinder versteckten sich hinter ihren Röcken und die Söhne fingen an uns in Gespräche zu verwickeln. Das Haus war aus Bambus und Lehm und im Innenhof stand ein riesiger Mangobaum, der uns Schatten spendete. Zwischen unseren Füßen liefen hin und wieder Ziegen und Hühner umher und das “Badezimmer“ war ein aus Palmwedeln abgehängter Platz mit einer Pumpe (Foto). Natürlich haben die Nachbarn schnell mitbekommen dass wir da waren und kamen alle vorbei. Da alle Menschen in der Gegend der islamischen Gemeinschaft angehörten, war es für sie alle selbstverständlich zu kommen und zu gehen wie sie wollten, auch wenn es nicht das eigene Grundstück oder Haus war. Es war schön zu sehen wie entspannt sie alle zusammen lebten, aber für uns war es dann irgendwann doch zu viel. Die Brüder haben uns alle noch ihre Shops im fußläufig entfernten Markt gezeigt und unser Gastgeber wollte uns ständig mit Trinken, Snacks und Bonbons etwas Gutes tun. Der “Besucherandrang“ wollte gar nicht mehr aufhören und irgendwie hat Arne dann herausbekommen, dass einer der Brüder bei Facebook ein Video von uns hochgeladen hat und jetzt die ganzen Leute von nah und fern zu uns kamen. Selbst ein Reporter der Assam News kam vorbei, um mit uns ein Interview zu führen. Lange saßen wir noch draußen, haben gequatscht, Fragen beantwortet und Hände geschüttelt. Zum Abendessen haben sie ein großes Festmahl aufgetischt, welches die Frauen gemeinsam über dem Feuer gekocht haben. Schlafen durften wir unter dem Himmelbett der Eltern und da wurde auch kein Nein akzeptiert. Wir haben sehr gut geschlafen und morgens wurden wir mit dem uns all zu bekannten Gesang der Moschee geweckt und bekamen Tee und geröstetes Toast zum Frühstück. Verabschiedet wurden wir von einer großen Kindertraube, die noch lange versuchte neben uns her zu rennen. Ein letztes Winken, ein letztes Dankeschön und wir waren wieder für uns. ALLEINE.

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