Mittwoch, 10. Juli 2019

Bundesstaat Nagaland

Auch Nagaland ist einer der sogenannten „Sieben Schwesterstaaten“, die den Nordosten Indiens ausmachen. Die Hauptstadt dieses Bundesstaates ist Kohima und war eines der Tagesziele auf unserem Weg nach Myanmar. Unser Gastgeber hatte uns vor der 70 km langen Bergstraße hoch nach Kohima (die Stadt liegt 1382m über dem Meeresspiegel) ausdrücklich gewarnt und uns ans Herz gelegt, einen Bus zu nehmen. Wir sind also zum Busbahnhof und haben zwei Tickets für zwei Euro gekauft. Es hieß es gibt keinen Busplan und so mussten wir warten bis der nächste Bus abfuhr. Die Busfahrer können selbst entscheiden wann sie abfahren wollen und so warten sie so lange, bis auch der aller letzte Sitz im Bus besetzt ist. Wir hatten Glück und einer der Busse war schon fast voll. Wir wuchteten also die Fahrräder auf's Dach, verteilten unsere 7 Taschen im ganzen Bus in jeder noch freien Ecke, neben Obstkisten, Gepäckstücken, Pflanzen und Hühnern. Für uns selbst fanden wir in der aller letzten Reihe noch einen Platz. Eingezwängt zwischen den Sitzen konnte die Fahrt am offenen Fenster beginnen. Schon nachdem wir den Busbahnhof verließen schlugen unsere Knie heftig gegen die vordere Sitzreihe. Jedes weitere Schlagloch bedeutet ein weiterer Schlag gegen die Knie. Ich setzte mich also so aufrecht hin wie ich nur konnte, um meine Knie zu schonen, doch bei Arne brachte auch das aufrechte Sitzen nichts. Er klemmte sich also ein Stück Stoff zwischen Knie und vordere Sitzlehne. Doch auch so hätte es nicht lange gedauert und die Knie wären blutig gewesen. Wir fragten also unsere Sitznachbarn, ob wir so tauschen könnten, dass Arne beim Mittelgang sitzt. Nun waren wir so gut wie möglich für die holprige Fahrt gewappnet. Die kompletten 70 km waren eine einzige Baustelle und die Straße war nicht einmal richtig befahrbar. Ein Schlagloch neben dem anderen und jedes Mal hüpften wir auf der letzten Reihe 30cm nach oben. Es war nicht möglich irgendetwas anderes zu machen, außer sich irgendwo ganz dolle festzuhalten. Ich musste ständig an unsere Räder denken, die auf dem Dach hin und her hüpften und hoffte nur, dass sie es überleben werden. Ob mein Körper die sechs Stunden Hüpftour überlebt war mir in diesem Moment egal, denn bei unserem Gastgeber in Kohima konnten wir uns erstmal ein paar Tage ausruhen. Doch erstmal mussten wir dort ankommen und dafür mussten wir noch durch tausende Schlaglöcher durch und an vielen Abgründen vorbei. Dazu kam noch ein starker Regen, der die Schlaglöcher zu Seen machte und die sandige Straßenoberfläche zu einer rutschigen Schlammschicht machte. Der Bus rutschte nun über die Straße, fuhr in Schräglage durch die Löcher, da man die Tiefe nicht mehr einsehen konnte und wich dabei noch dem Gegenverkehr aus. Alles ohne Scheibenwischer. Die Aussicht war schön. Berge, Bäume, grüne Waldflächen (im Jahr 2013 waren nach offiziellen Angaben etwa 55 % der Landesfläche mit Wald bedeckt), dunkle Wolkenbilder, große Kirchen auf den Bergspitzen, Regenbögen, bunte Häuser an den Berghängen, und LKW's, die in den Graben gerutscht sind. Die Hälfte der Zeit habe ich mich nicht getraut raus zu schauen. Arne dagegen war deutlich entspannter, doch meine Sitznachbarin war noch viel tiefenentspannter. Sie schief nämlich die ganze Fahrt und wachte nur bei ganz großen Schlaglöchern auf, die uns einen halben Meter hoch warfen. Auch alle anderen Köpfe neigten sich nach und nach nach unten und schaukelten gemeinsam im Takt. Mein Hintern war wundgesessen und ich war froh, als wir heile oben angekommen sind. Kohima liegt so, dass man von jedem Haus eine wunderschöne Aussicht auf die Berge hat. Dafür geht es aber innerhalb der Stadt auch viel Berg auf und Berg ab. Überall waren große Kirchen zu sehen und dabei versuchte eine Kirche die Andere in ihrer Größe und Schönheit zu übertreffen. Am Sonntag läuteten die Glocken unermüdlich, die Straßen waren voll mit Menschen, die mit ihrer Bibel unter dem Arm und in die schönsten Kleider gekleidet zur Kirche eilten. Da wurde gelacht und gequatscht und die parkenden Autos versperrten die Straßen. Wie herauszuhören ist, ist in Kohima das Christentum die vorherrschende Religion. Nach der Volkszählung 2011 sind 88 Prozent der Einwohner des Bundesstaates Nagaland Christen. Nagaland ist damit der indische Bundesstaat mit dem höchsten christlichen Bevölkerungsanteil und die Christen stellen die Bevölkerungsmehrheit dar. Der hohe christliche Bevölkerungsanteil ist Folge der Christianisierung der Naga durch amerikanische Missionare ab dem späten 19. Jahrhundert. Auch hat sich damit der “freie heilige Sonntag“ herausgebildet. Alle Geschäfte haben am Sonntag geschlossen und sogar der Großteil der Restaurants. Sogar unter der Woche pflegen die Menschen “gesunde“ Öffnungszeiten. So standen wir abends um 18 Uhr vor verschlossenen Türen, als wir noch schnell etwas für das Frühstück einkaufen wollten. Dass ist uns in ganz Indien noch nicht passiert. Dort fängt das Leben auf der Straße erst richtig an, wenn es dunkel wird. Da wird Essen gekocht, Obst und Gemüse verkauft und laut gehupt. In Kohima war alles anders. Überhaupt war es gar nicht mehr richtig indisch. Das wird wohl daran liegen, dass Nagaland in der Vergangenheit nicht zu Indien gehörte und noch heute wird Nagaland überwiegend von Naga besiedelt. Dabei handelt es sich um einen Oberbegriff für eine Gruppe von indigenen Völkern des indischen Nordostens. Die verschiedenen Naga-Stämme sprechen unterschiedliche Sprachen (2001 waren es 14 unterschiedliche Sprachen) und eine gegenseitige Verständigung ist unter den Sprechern der unterschiedlichen Naga-Sprachen nicht möglich. Daher ist die Amtssprache des Bundesstaates Englisch, was für uns ein großer Vorteil war. Auch setzen sich die Naga in ihrer Esskultur stark von den Indern ab. So ist der größte Bestandteil einer Mahlzeit Fleisch. Und dabei essen sie alles was nicht bei drei auf dem Baum ist. Schweine, Hühner, Kühe, Hunde (ist von vielen heiß beliebt), Frösche, Fisch, Katzen und und und. Doch was sagt die indische Regierung dazu, dass sie Kühe verspeisen? Nichts. Es wird einfach akzeptiert und da Nagaland so weit weg von dem zentralen Teil Indiens liegt, bekommt es auch kaum jemand mit. Zudem liegt es schon immer in der Tradition der Naga und auch wenn sie ihre Unabhängigkeit an Indien verloren haben, haben sie dennoch ihr Identität beibehalten und kämpfen noch heute für ihre Wieder-Unabhängigkeit. Die Menschen dort tun sehr viel für ihren Bundesstaat und so sieht man überall Schilder, die darauf aufmerksam machen, dass sie grün bleiben wollen/werden wollen, dass sie also eine plastikfreie Umwelt schätzen und fördern wollen. Es ist eine der ersten Gegenden, wo nicht so viel Müll herum liegt, und die mit einem Müllabfuhr-System ernsthaft versuchen das Problem in den Griff zu bekommen. Wir haben uns für einige Tage in Kohima nach den Strapazen der Busfahrt ausgeruht. Es hat sehr viel geregnet und wenn wir raus wollten/mussten, um etwas zu essen, dann waren wir innerhalb von fünf Minuten völlig durchnässt. War das etwa die Regenzeit? Ich kann Euch jetzt schon mal verraten, dass wir bis heute kaum etwas von der Regenzeit mitbekommen haben. Naja, die Einheimischen haben sich auf jeden Fall über den Regen gefreut, denn für sie bedeutete es, dass sie ihren Wasservorrat wieder auffüllen können. So stand die Mutter unseres Gastgebers den ganzen Vormittag draußen und hat das Regenwasser aufgefangen, in Eimer gefüllt und in einen Raum getragen, der mit dem Wasservorrat für dass ganze Jahr gefüllt war. Kein Regen, kein Wasser. Im ganzen Haus gab es kein fließend Wasser, was bedeutete, es wurde alles mit Eimern erledigt. Duschen, Abwaschen, Wäsche waschen, auf's Klo gehen, Putzen und was noch so im Haushalt anfällt. Da sollte man mal anfangen über unseren Wasserkonsum in Deutschland nachzudenken. Wir nehmen für alles unser Trinkwasser, nutzen es um einmal ein Glas zu waschen und kippen es dann in den Abfluss. Wir haben hier bei unserem Gastgeber dass Wasser vom Wäsche waschen anschließend für die Klospühlung genutzt, um auch jedes kleinste bisschen Wasser zu sparen.

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