Mittwoch, 31. Juli 2019
Schlammige Abkürzung
Wir mögen Abkürzungen. Sie sind meist fern ab vom Highway und daher nicht so befahren. Außerdem sind es keine Touristen-Pilgerstraßen, auf denen man alle Kilometer lang einen Reisenden trifft und man sieht Dinge, die man am Highway nicht sehen kann. Die Infrastruktur ist oft nicht so gut ausgebaut wie am Highway und es kommt schon mal vor, dass man nichts zu Trinken und zu Essen findet. Es kann auch vorkommen, dass die Straße immer schlechter wird, oder sogar ganz aufhört zu existieren. Sand und Schlaglöcher sind aber auch irgendwie befahrbar. Doch eins kann ich Euch sagen: Sand, Schlaglöcher und Regen in einem sind NICHT befahrbar. Wir haben das letzte Mal, eine dieser Abkürzungen erwischt, wo die Straße immer schlechter wurde und irgendwann nur noch aus festgefahrenem Sand bestand. Zu unserem großen Pech war der Sand auch noch sehr lehmig. Dies wiederum merkten wir allerdings erst, als es angefangen hat zu regnen und da war es schon längst zu spät zum Umkehren. Wir haben uns dort also wortwörtlich “festgefahren“. Es gab nicht nur kein Zurück mehr, sondern auch kein Vorwärts mehr. Wartet mal kurz, ich springe in der Geschichte noch mal kurz etwas zurück. Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden, eine Abkürzung fern ab von dem Highway zu nehmen. Diese Abkürzung war in derden Karte allerdings auch als Highway bezeichnet, doch was wir nicht wussten, die Abkürzung wurde gerade neu ausgebaut und war eine einzige Baustelle. Etwa 70 km lang haben sie den Asphalt entfernt und mit Sand aufgeschüttet. Als uns nun die bessere Straße verließ und wir geradewegs in die Mega-Baustelle hinein fuhren war es warm, sonnig und trocken. Der Sand war fest und gut befahrbar. Hin und wieder gab es zu unserer Überraschung ein kleines Stückchen Asphalt und so rollte es dann Kilometer für Kilometer mal gut und mal weniger gut. Nachdem wir unseren Wasservorrat bei einem der Baustellenknotenpunkten aufgefüllt hatten verließ uns jede Zivilisation. Nur noch wir, Berge, Baustelle, Hitze, Sand und Nichts. Das war entmutigend und wir hatten keine Ahnung, wo wir heute schlafen sollten. Wir waren natürlich auch sehr schlecht vorbereitet und hatten nur ein kleines bisschen ungekochten Reis dabei hatten. Wie ein Geschenk vom Himmel tauchte plötzlich ein Handymast auf und wo ein Funkturm ist, ist auch ein Dorf. Es ist nicht wie in Deutschland, dass der Turm möglichst weit weg von allem stehen muss, hier kann man den Turm einfach in den Vorgarten stellen. Doch zu unserer großen Enttäuschung war es ein Fehlalarm. Kein Dorf, kein Haus, kein Essen. Uns blieb nichts als weiterfahren. Immer weiter, bis doch ein paar Häuser/Hütten auftauchten. Abgeschnitten von jeglicher Zivilisation warteten sie darauf, das der “Highway“ endlich fertig wurde. Doch der Manager den wir getroffen haben, meinte es braucht noch zwei Jahre bis sie mit dem Projekt durch sind. Wir haben in dem kleinen Ort einen Tempel entdeckt und steuerten nun direkt auf den Eingang zu. Arne klopfte an der Tür und kurz darauf kam ein verschlafener Mönch an die Tür und kippte sich erstmal ein bisschen Wasser ins Gesicht. Er war sehr freundlich, bat uns herein, gab uns Tee und Kekse und so wie er merkte, dass wir hungrig waren gab er uns noch süßes Brot. Er legte uns eine Matte und zwei Kissen unter das Haus, sodass wir uns ausruhen konnten. Das Haus war komplett aus Holz gebaut und stand auf Stelzen, sodass darunter genügend Platz für uns und die Räder waren. Heute Nacht mussten wir nicht schwitzen. Morgens ging es dann mit einem Frühstück gestärkt weiter. Bei dem nächsten Shop der uns über den Weg lief, kauften wir erstmal Kekse für den nächsten Notfall. Die Menschen freuten sich über uns, gaben uns Tee und einen typischen Teeblätter-Erdnuss-Snack. Bei einem kleinen Restaurant bekamen wir frische Mango und waren sehr guter Dinge. Es war immer noch bestes Wetter und wir kamen den Umständen entsprechend gut voran. Der Manager des Bauprojektes kam mit seinem Auto vorbei und hielt an. Er wollte uns scheinbar vor dem kommenden Regen warnen und er ist auch extra zurück gefahren, wie er betonte, da es dem nächst regnen wird. Wir sahen nun auch die Wolken, die sich langsam über die Berge schoben, doch wir sahen noch nicht so richtig das Problem. Also fuhren wir ahnungslos weiter, um möglichst lange noch im Trockenen zu fahren. Die Wolken kamen immer näher und es sah sehr mystisch aus und da auf einmal war der Regen da. Wie aus Kübeln entleerte sich der Himmel und wir rannten Schutz suchend unter den nächsten Dachvorsprung. Wir schauten uns das Wetter an und warteten was nun passieren wird, immer noch die Warnung des Managers im Hinterkopf. Es passierte nichts. Kein Auto, kein Truck, kein Mensch. Ein einzelner Scooter quälte sich durch die Schlammschicht, die sich auf der Oberfläche der Straße gebildet hatte. Das Hinterrad schlidderte abwechselnd nach links und rechts, sodass der Fahrrer Probleme hatte sich im Sattel zu halten. Das ermutigte uns nicht gerade. Dennoch haben wir die kleine Regenpause genutzt, um weiter zu fahren. Vorsichtig haben wir unsere Räder auf die Straße geschoben. Unter uns fühlte sich die Schlammschicht an wie eine Eisbahn und ganz vorsichtig haben wir uns in die Sättel gesetzt. Unter unseren Schuhen haben sich riesige Klumpen Matsch gebildet, die wir nun auf die Pedalen wuchteten und ganz vorsichtig los fuhren. Es lief gut, kurzzeitig haben wir sogar Hoffnung gehabt. Es hatte aufgehört zu regnen, wir kamen langsam voran und unsere Stimmung war gut. Sie war so lange gut, bis wir auf vier auf der Straße stehende Fahrzeuge stießen. Zwei standen auf unserer Seite vom Fluss und zwei auf der anderen Seite. Jetzt verstanden wir auch, warum der Manager zurück gefahren ist. Denn jetzt gab es kein Durchkommen mehr. Auch für uns? Das Wasser hatte sich tief in die Straße gefressen und das von den Bergen herabströhmende Wasser nahm kein Ende und war zu einem reißenden Fluss geworden. Schlammlawinen machten das Durchkommen unmöglich und je länger wir warteten, desto geringer wurde unsere Chance doch irgendwie den “Fluss“ zu überqueren. Arne sah wohl eine Möglichkeit an der Seite vorbei zu kommen, da dort das Wasser nicht ganz so reißenden war. Doch er kam nicht weit. Seine Füße und Reifen gruben sich, wie im Moor, in den Schlamm und er schien für einen kurzen Moment vom Schlamm verschluckt zu werden. Irgendwie schaffte er es wieder zurück zu kommen aber die Hoffnung in seinen Augen war verschwunden. Ratlos schauten wir uns an. Wir hatten absolut keine Ahnung was wir machen sollen und Erfahrungen mit solchen Situationen hatten wir erst recht nicht. Anders sah es mit den beiden einheimischen Truckfahrern aus, die kurzerhand aus ihrem Wagen stiegen, ihre Schlappen auszogen und durch den Schlammfluss warteten. Sie suchten den Weg nach großen Stolpersteinen ab und halfen uns die Räder hinüber zu tragen. Wir hatten natürlich noch unsere Schuhe an, die nun mit Schlamm und Wasser voll liefen. Sie fühlten sich nun noch schwerer an und waren uns keine große Hilfe. Doch wir konnten weiter fahren. Die Klumpen unter den Schuhen wurden immer größer und langsam fingen auch die Reifen an mit ihrem Profil den Schlamm einzusammeln. Aus langsam wurde irgendwann immer schneller, bis sich gar nichts mehr drehte. Halb schiebend, halb tragend kamen wir bei einem Baustellenstop an. Die Jungs halfen uns die Räder vom Schlamm zu befreien, sodass wir weiter konnten. Wir mussten es auch nur noch bis zu dem nächste Tempel schaffen, den wir sogar auch schon sehen konnten. Doch dies stellte sich als eine weitere Herausforderung heraus. Erneut fingen die Räder an den Schlamm einzusammeln und erneut waren die Räder blockiert. Wir waren nur noch wenige hundert Meter vor dem Tempel, doch ich war kurz davor aufzugeben. Beim Schieben rutschte der hintere Reifen ständig weg und das Rad fraß sich langsam immer tiefer in den Schlamm. Eine nette Bande junger Erwachsener kam uns zur Hilfe und schob mit uns die Räder aus diesem Schlamassel. Und dann kam der Rückschlag. Wir können bei dem Tempel nicht bleiben, sondern müssen bis ins nächste Dorf fahren bzw. schieben/tragen. Nein, dass konnte nicht sein. Wir versuchten es noch einmal, doch es stellte sich heraus, dass der Tempel gar nicht bewohnt war und keine Menschenseele dort war. Die Männer halfen uns eifrig die Räder erneut vom Schlamm zu befreien, sodass wir wenigstens bis ins nächste Dorf kamen. Sehr hilfsbereit brachten sie eimerweise Wasser, pulten den Dreck unter den Schutzblechen hervor und bemühten sich die Räder blitzblank aussehen zu lassen. Doch bis dies einmal wieder der Fall sein wird, müssen wir wohl noch lange warteten. Denn als wir mit viel Mühe im nächsten Ort ankamen (ein Ort besteht an dieser Straße lediglich aus wenigen Häusern), waren die Fahrräder vor lauter Schlamm nicht mehr zu erkennen. Ein Tempel war für uns in dem Ort ebenfalls nicht zu erkennen, also fragten wir die Familie mit dem größten Haus, ob wir bei ihnen waschen, essen und schlafen könnten. Wie sich später herausstellte, sind wir bei dem Bürgermeister gelandet und es war gar kein Problem, dass wir eine Nacht bleiben. Naja, es war wohl schon ein Problem, da wir wieder unseren Pass zeigen mussten und der Bürgermeister telefonieren musste. Doch wir hatten Glück und der Bürgermeister war auf unserer Seite und schickte uns nicht in ein Hotel. Was auch gar nicht möglich gewesen wäre. Alle halfen uns die Sachen zu waschen und den Dreck aus allen Ritzen zu kratzen. Wir wurden reich bekocht, haben einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachtet und durften unter einem großen mit Blüten bestecktem rosanem Himmelschleicher übernachten. Am nächsten Tag fragten wir uns, wie wir hier nun weg kommen sollten. Fahrrad fahren war keine Option, da es in der Nacht erneut geregnet hatte und die Straße eine einzige Matschgrube war. Bleiben war auch keine Option, da es wohl auch die nächsten Tage nicht besser werden würde. Und wir waren ja immer noch illegal dort. Wir dachten vielleicht auf einen Truck oder Pickup warten und dann den Daumen raus halten ist eine gute Idee und da kam auch schon jemand vorbei gefahren. Doch dieser fuhr nicht weiter und so ist auch dies gescheitert. Es kamen auch keine weiteren Vehikel vorbei, da es auch nicht möglich war, auf dieser Straße zu fahren. Wir waren etwas verzweifelt und fragten die Familie, ob es irgendjemanden in der Nähe gibt, der uns für Geld weiter fahren würde. Doch in dieser Gegend hatte auch niemand ein Auto. Wofür auch, wenn es keine richtige Straße gibt. Wir saßen also ratlos auf der Treppe und starrten auf die Straße. Es sah so aus, als ob wir versuchen müssen zu schieben. Großartige Aussichten. Wir haben uns schon eine Woche lang auf dieser Straße unsere Fahrräder schieben sehen, als einer aus der Familie die Idee hatte uns mit dem Trecker weiter zu fahren. Wir machten einen Luftsprung. Würden sie uns wirklich mit dem Trecker fahren? Und da holten sie auch schon einen Trecker aus einem Schuppen hervor und versuchten ihn erstmal in Gang zu bekommen. Wir hörten wie er immer wieder aus ging und beteten, dass sie es hinbekommen würden. Und da endlich hörten wir ein regelmäßiges Knattern und mit neuem Schwung luden wir die Räder auf den Hänger. Wir hatten nun vier Stunden Fahrt vor uns. Was nicht gerade weich und angenehm war, sondern hart und holprig. Doch uns war alles egal, Hauptsache wieder eine befestigte Straße unter den Rädern. Wir hätten alles dafür gezahlt, doch die Familie ließ uns nicht einen Kyat zahlen. Danke noch mal für Eure Hilfe! Auf einer asphaltierten Straße stiegen wir vom Trecker und waren überaus froh. Doch nur für einen kurzen Moment. Denn jetzt mussten wir erstmal Arnes Scheibenbremsen wieder zum Laufen bekommen, denn im Schlamm wurden diese völlig zerstört und ohne Bremse die Berge hinunter zu fahren ist keine gute Idee. Mit schleifender Bremse ging es nun bergab. So weit so gut. Doch mit schleifender Bremse bergauf zu fahren macht nicht lange Spaß und so saßen wir schon wieder am Straßenrand und versuchten die Bremsen einzustellen. Irgendwann waren wir beide so erledigt von der Bremse und den ganzen steilen Anstiegen, dass wir uns ins Gras legten und alle Viere von uns streckten. Kann das sein? Hören wir da wirklich einen LKW den Berg hoch fahren? Nein, dass ist nicht möglich. Uns hat den ganzen Tag auf diesem “Highway“ nicht ein größeres Auto oder geschweige denn ein Truck überholt. Wir fühlten uns verloren, denn schon wieder hatten wir nicht genug zu Essen und wir steckten mitten in einem Nationalpark. Doch da war dieses Geräusch. Ich bin aufgesprungen und habe mich an die Straße gestellt und tatsächlich kam da ein Truck um die Ecke. Freudig habe ich Arne zugewunken und im selben Moment auch schon den Fahrer angehalten und gefragt ob er uns mitnehmen würde. Er nickte, wir wuchteten gemeinsam die Räder hinten drauf und stiegen ein. Wir fragten nicht wo die Fahrt hin geht, wir nutzten einfach diese geniale Gelegenheit wieder in die Zivilisation zurück zu kommen. Und tatsächlich fuhr der LKW bis in die nächste große Stadt, wo wir uns erstmal für zwei Tage in ein Hotel eingemietet haben. Wahnsinn, morgens steckten wir noch ganze 70km im Schlamm und abends lagen wir im Hotelbett und wussten, dass es die nächsten Tage nur noch auf einem gut ausgebauten Highway weiter geht. Wir fahren gerne auch mal einige Tage durchs Nichts, aber dann doch bitte gut vorbereitet und auf Straßen/Wegen, die befahrbar sind und nicht die Fahrräder zerstören.
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