Dienstag, 9. Oktober 2018
Reisfabrik
Es war so etwa 17 Uhr. Wir waren gerade dabei uns so langsam nach einem Schlafplatz umzuschauen.
Da es hier schon um 18.30 Uhr dunkel wird ist es für uns wichtig rechtzeitig zu schauen, da es erstens nicht so schön ist im Dunkeln zu fahren und zweitens der Aufbau vom Zelt und das Kochen besser im Hellen gelingt.
Plötzlich fragte mich Arne ob ich einen Tee trinken möchte. Wir werden ständig von der Straße aus gefragt ob wir für einen Tee anhalten möchten. Nicht immer entscheiden wir uns dazu auch wirklich anzuhalten, da wir sonst nicht vorankommen würden :D Doch diesmal war ich über eine kurze Teepause ganz froh. Ich habe noch nicht mal mitbekommen, wer uns überhaupt gewunken hat, aber Arne meinte das da jemand vor der Reisfabrik ganz heftig gewunken hat.
Also sind wir die paar Meter zurück gefahren und haben uns zu den Reisbauern gesetzt und Tee getrunken. Natürlich konnte wieder keiner von denen Englisch, aber mit Körpersprache geht alles. Die haben uns noch zwei Schalen voll Suppe vorgesetzt und eine Menge Brot dazu. Brot ist ein Muss hier in der Türkei. Überall und zu allem wird Weißbrot dazu gegessen.
Mit Hilfe von Googletranslate haben wir dann gefragt ob man hier in der Nähe irgendwo am Strand zelten könne. Klar, dass war kein Problem, aber wir können auch einfach über der Fabrik schlafen, machte uns der Chef mit Handzeichen deutlich. So kam es dazu, dass wir uns dazu entschlossen in der Reisfabrik zu nächtigen.
In der Reisfabrik war noch reges treiben, welches wir nun gespannt beobachteten. Naja, reges treiben ist eventuell das falsche Wort für etwa acht Männer, die herumstehen und Tee trinken :D
Hin und wieder musste irgendetwas getan werden, wie zum Beispiel ein Trecker mit Anhänger rückwärts in die Fabrik Einfahrt zu rangieren und da halfen dann alle mit. Jeder schrie von einer anderen Seite dem Traktorfahrer irgendwelche Befehle zu, der nur noch mehr verwirrt wurde.
Ab und zu kam ein Kunde vorbei, dem ein paar Säcke Reis ins Auto geworfen wurden. Das Geld wurde dann dem einen gebracht, der es dann dem anderen gab, der es wiederum wechselte und das Wechselgeld zurück gab. Irgendjemand hat das Geld dann eingesteckt und wie und wann es in der Kasse ankommt, wurde nicht ersichtlich.
Wenn irgendetwas aus der Reichweite war, wurde einer der jüngeren Generation losgeschickt es zu erledigen. Das Motto schien “bloß nicht zu viel bewegen“ zu sein.
Auch wir bewegten uns nicht von unseren Stühlen, bis dann einer auf uns zu kam und uns über sein Handy fragte: “wollt ihr in der Stadt übernachten?“. Wir verstanden es als eine Einladung in sein Gästezimmer und nickten. Wenig später wurden wir aufgefordert unsere Räder in die Fabrik zu schieben und sie zwischen irgendwelchen Reissortiermaschinen anzuschließen. Alles war videoüberwacht, sodass wir damit einverstanden waren. Wir schnappten uns noch schnell etwas zum umziehen und die Wertsachen und dann ging es auch schon mit einem weißen Mercedes zurück in die Stadt aus der wir mit unseren Rädern mühsam gegen den Wind gefahren sind.
Vor einem Düngemittelladen o.ä. stopten wir und wurden in das Büro gesetzt. Dort lernten wir die Frau des Chefs der Reisfabrik kennen, dem wohl auch dieser Laden gehörte.
Sie bestellte für uns Lahmacun und Ayran und fragte uns ob wir eine türkische Hochzeit kannten. Wir antworteten mit einem Kopfschütteln, woraufhin sie uns fragte ob sie uns eine zeigen sollte. Da wir nun mitten in einem Büro, umgeben von etwa fünf Türken, die kein Wort Englisch sprachen, unseren Lahmacun aßen, nicht wussten wo wir heute Nacht schlafen würden, konnte es aufregender ja nicht werden und wir sagten ja.
Wir wurden nun von einem Fahrer mit der Frau gemeinsam über die Dörfer zu einem Haus gefahren wo sie sich umzog und sich nun aufgebrezelt zu uns ins Auto zurück setzte. Da ja keiner Englisch konnte, wurden wir auch über nichts informiert und so verpassten wir den Moment uns ebenfalls umzuziehen. Im höchsten Gang ging es nun in die Stadt (Samsun), in der wir heute Morgen gestartet waren.
Auf einem riesen Parkplatz hielt unser Fahrer an und wir stiegen aus. Immer noch in unseren verschwitzten Radklamotten. Arne hatte sogar noch seine Warnweste an und ich trug noch meine gepolzterte Hose :D wir schnappten uns noch schnell ein paar unserer Klamotten und hofften uns auf der Toilette umziehen zu können.
So betraten wir ein riesiges Einkaufszentrum in dem sich im Untergeschoss vier Hochzeitsräume befanden. In zwei der Räume war jeweils eine Hochzeitsgesellschaft versammelt. Die Luft war stickig und der Raum, den wir nun betraten war überfüllt mit Menschen. Ein Kellner lief herum und verteielte künstliche Kuchenstücke und Gläser mit Cola und Fanta. An irgendeinem Tisch war noch ein Platz frei an dem wir nun unseren Kuchen aßen und Cola tranken. Dann kam die Musik. Laute türkische Musik. Alle sind aufgestanden und haben getanzt. Erst etwas langsamer und dann immer schneller. Bevor wir da so verloren herumsaßen sind wir auch auf die Tanzfläche gegangen und haben auf türkische Weise unser Tanzbein geschwungen (wohl eher unser Tanzarm). Es hat sehr viel Spaß gemacht! Nach etwa einer Stunde tauchte unser Fahrer wieder auf und wir stiegen wieder ins Auto und fuhren in die Nacht hinein. Das ging alles so schnell und es sollte wohl noch schneller gehen. Wir hielten an. Stiegen aus. Waren an einem Kornspeicher, wo wir die Reisbauern von der Fabrik wieder trafen. Es wurde getrunken und geraucht und dann ging es mit dem Auto weiter in die Nacht. Diesmal aber nicht mehr mit unserem Fahrer, sondern mit dem betrunkenen Chef. So sausten wir mit ganzen 30 km/h und ohrenbetäubender Musik über die Landstraße. Wieder hielten wir an. Raus aus dem Auto und Tee trinken auf einem Bauernhof. Dann ging die Fahrt weiter. Wieder hielten wir an. Sollten unsere Sachen nehmen und wurden in ein Gästezimmer gebracht, in dem wir nächtigen würden. Nach einer ereignisreichen Nacht wurden wir morgens mit einem lauten Klopfen und Hupen geweckt. Rein in die Klamotten und raus auf die Straße. Rein in einen LKW und los richtig Reisfabrik zu unseren Fahrrädern. Endlich. Das wir in dem Fahrerhäuschen zu dritt saßen schien keinen zu stören und anschnallen war auch kein Thema. Ich muss sagen, ich fühle mich auf meinem Fahrrad sicherer ;)
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